Schweden mit Hund und die Leichtigkeit des Seins in Hätteboda

Für mich war schon immer Freiheit am Wichtigsten. Doch leider ist sie nicht so einfach zu erreichen. Fast mein ganzes Leben lang war ich auf der Suche nach einem entscheidenden Faktor davon: Leichtigkeit. Nur selten und in Ansätzen habe ich sie mal gefunden. Allerdings waren es immer ganz kurze Momente, die kaum waren sie da, auch schon wieder verschwanden. Doch das sollte sich bei meinem Roadtrip mit Hund durch Schweden ändern.

Innerhalb von einer Woche musste ich den Roadtrip meines Hundes und mir planen. Wir wollten zwar ganz spontan in Schweden unterwegs sein, aber den ersten Stopp hatten wir uns vorab überlegt beziehungsweise unsere Begleiterin hatte diesen empfohlen bekommen. So richtig hatte ich mir das Camp gar nicht angeschaut. Nur kurz vor Abfahrt war ich auf der Homepage und dachte kurz „O Gott“. Kein Strom, kein fließend Wasser und Plumsklos. Das ist ja genau das Richtige für mich. Für jemanden, der sich jahrelang Festivals entzogen hat, wegen der Dixietoiletten, dessen Betretung mich heute noch Überwindung kostet. Aber ich hatte ganz andere Dinge, um die ich mich kümmern musste, wie ein kaputtes Auto, also schob ich meine Sorgen beiseite. Zum Glück. Denn noch nie habe ich mich so leicht und frei gefühlt wie beim Hätteboda Vildmarkscamping*.

Schotterwege führen durchs Nirgendwo

Wir fahren durch die Wälder. Nur selten kommen wir an ein paar kleinen Holzhäusern vorbei. Meist sind sie rot gestrichen, typisch schwedisch also. Doch sie alle wirken recht verlassen. Keine Menschenseele weit und breit. Auf den Schotterwegen ist nur eines häufig anzutreffen: Schlaglöcher. Mir ist etwas unbehaglich. Was ist, wenn ich hier im Niemandsland mit meinem Auto liegen bleibe? Wenn eine Fahrt durch ein Schlagloch ein lautes Krachen mit sich bringt, das einen Schaden meines Autos ankündigt? Keine Straßennamen und keine Ortsschilder in Sicht. Also einen Pannendienst herzubeordern, wäre sicherlich nicht leicht. Doch zu meinen Sorgen, gesellt sich auch Begeisterung.

Die grünen Laub- und Nadelbäume, die Fahne und die Pflanzen, deren Name ich nicht kenne, wirken beruhigend. Ich merke richtig, wie ein Stück weit der Stress der letzten Woche abfällt, wie sich meine Muskeln entspannen und die Gedanken langsam ruhen. Wie ich herunterkomme – zumindest ein bisschen. Dann wird der Weg noch schmaler und mein kleiner Polo schaukelt immer wieder von links nach rechts. Mal stärker mal schwächer. Der Weg wirkt so schmal, dass ich befürchte, irgendwann nicht weiterzukommen. Eine weitere völlig unberechtigte Sorge, denn schließlich befahren selbst Wohnmobiledie Strecke.

Irgendwann fahren wir durch einen Torbogen direkt auf ein recht großes, braunes Holzhaus zu. Wir sind angekommen. Eigentlich hätte die Rezeption schon zu, aber ein Mitarbeiter ist noch vor Ort und nimmt sich sehr geduldig Zeit für uns. Glücklicherweise hat die Feriensaison in Schweden noch nicht begonnen und so können wir uns einen Platz aussuchen. Alex ist etwas aufgeregt. Zwar ist er interessiert an der neuen Gegend und den Gerüchen, aber das Kind der Campingplatzbetreiber kommt ihm etwas Nahe, was ihm Unbehagen bereitet. Er zieht sich zurück an meine Beine und ich versuche dem Jungen auf Englisch zu erklären, dass er bitte Abstand halten möchte. Kein Problem und so flitzt er schnell vorbei zu seinem Papa.

Mitten im Wald haben wir uns ein schönes Plateau ausgesucht. Ein Stück weiter unten direkt am Wasser ist ein Wohnwagen, aber die anderen angrenzenden Plätze sind nicht belegt. Alex taut wieder auf, seine Ohren bewegen sich locker hin und her. Er beschnüffelt die schmalen Laubbäume und lässt seine Rute entspannt hängen, während ich versuche das Zelt aufzubauen. Keine leichte Angelegenheit. Der Boden ist sehr hart und einige Steine sind darin zu finden. Meine Heringe sind aber leider nur ganz einfache Exemplare, die eher für Wiesen geeignet sind. Aber mit etwas Prökeln und Hämmern funktioniert es irgendwie.

Leckere Zimtschnecken zum Frühstück

Dann steht die Feuerprobe an: Schließlich hat Alex noch nie ein Zelt betreten. Ich bin gespannt, aber wir haben keine Wahl. Er ist etwas zögerlich, als ich die Eingangsluke beiseiteschiebe. Es dauert aber nur ein paar Sekunden und er schießt ins Innere, wo er sich entspannt ablegt. Er wird sein temporäres Heim lieben – genau wie ich.

Das Hätteboda Vildmarkscamping ist sehr groß. An einem Tag machen wir eine 4,5 Kilometer lange Tour und verlassen nicht ein einziges Mal das Gelände. Am Wasser entlang und durch den Wald. Natürlich darf hier eine Sauna nicht fehlen, aber es gibt noch mehr im Angebot: zum Beispiel viele Grillstellen und Boote zum Ausleihen. Beim Haupthaus bekommt man Strom und jeden Morgen Brötchen sowie andere Leckereien. Von Tag eins an stehen Zimtschnecken auf meinem Speiseplan und bleiben es auch, während der zwei Wochen Roadtrip in Schweden mit Hund.

In der Umgebung vom Campingplatz lassen sich die typischen Schwedenhäuser in verschiedenen Farben finden.

Der Campingplatz liegt direkt am See.

Für Wasser braucht man etwas Muskelkraft, denn es ist nur über eine Pumpe erhältlich. Auch in den Toiletten, kleinen Holzhütten mit einem Loch in der Tür (in Herzform versteht sich), muss ebenfalls gepumpt werden, wenn man sich die Hände waschen möchte. Die Duschen bestehen aus kleinen Zellen, von deren Decke ein Haken hängt. Hier kann man die speziellen Wasserkanister befestigen. Diese hängen normalerweise befüllt in der Sonne, damit sie das Wasser erwärmt. Wir haben aber damit nicht so viel Glück, denn der Himmel ist meist grau, sodass meine Dusche recht kalt ausfällt.

Wenn das Aussehen scheißegal ist

Die Tage verbringen wir viel auf unserem Platz und im Zelt (abgesehen von den Hunderunden). Leider nieselt es immer wieder und ist recht frisch. Alex döst auf seinem Kissen, ich liege eingemummelt im Schlafsack und lausche dem Rauschen der Blätter. Zwischendurch sind dumpfe Schläge zu hören, weil die Baumstämme leicht aneinanderprallen. Meine Zelttür ist geöffnet, sodass ich freien Blick auf die Natur und ein Stück weit aufs Wasser habe. Nicht nur Alex scheint völlig entspannt, auch ich bin vollkommen gelassen.

Langsam und ruhig atme ich ein und aus. Meine Gedanken sind nur im Hier und Jetzt. Ich erfreue mich an der Natur, aber auch an der Einfachheit. Es ist egal, wie wir aussehen und was wir machen. Keine komischen Blicke, stattdessen stets nur ein kurzes freundliches “Hallo”, wenn wir mal andere Gäste treffen. Jeder scheint jeden zu akzeptieren, wie er ist. Keine Verpflichtungen, kein Zwang, keine Termine, kein Stress. Wir müssen gar nichts – außer sein. Drei Tage haben wir den puren Luxus und das, obwohl wir auf den herkömmlichen Komfort verzichten. Wider Erwarten bin ich vollkommen entspannt, unbekümmert, frei und leicht wie nie zuvor.

In der Campingplatzbroschüre heißt es: “Hunde sind erlaubt, solange die Hundesbesitzer ihre Hunde 100-prozentig kontrolliert.” Die Hinterlassenschaften sind natürlich wegzuräumen und zwischen dem 30. März und 1. September müssen sie nach schwedischen Gesetz an die Leine.

Mehr über unsere Reise gibt es hier: Mit Hund durch Schweden: Roadtrip Teil 1.

*Dieser Beitrag ist ganz allein auf meinem Mist gewachsen, weil es mir dort so gut gefallen hat. Ich habe keinerlei Gegenleistung dafür bekommen. Die Betreiber wissen nicht einmal, dass es meinen Blog und diesen Beitrag gibt (zumindest bis jetzt Juni 2018).

2 Comments

  1. Hallo! Ach schön, das klingt himmlisch!!! Irgendwann will ich auch mal in den Norden rauf! 🙂

    Lieben Gruß,
    Jule

    • Anni Antworten

      Hallo Jule,
      danke, freut mich sehr, dass Dir mein Beitrag gefällt und ich kann Dir Schweden nur wärmsten empfehlen! Es ist wunderschön dort und ich war sicherlich nicht zum letzten Mal dort oben… 😉
      Liebe Grüße
      Anni

Schreibe einen Kommentar

*

Navigate