Gute Unterhaltung im hessischen Feenwald

Hessisch Sanssouci – so wurde einst das Wildecker Tal genannt. Das Schloss und die Parkanlagen sollen laut der Webseite der Gemeinde Wildeck nämlich so fantastisch gewesen sein. Von der Burg Wildeck ist nur noch der Brunnenschacht vorhanden. Es stehen aber noch Ruinenreste des Jagdschlosses Blumenstein sowie der 22 Meter hohe Obelisk und es gibt noch den Inselteich mit seiner Liebesinsel.

Deswegen wandern wir aber nicht wieder durch das Wildecker Tal, sondern wegen des Feenwalds. Vermutlich entgehen mir einige Meisterwerke, denn ich bin unaufmerksam und immer wieder sehr vertieft in die Gespräche mit Anie von Hunde-Stimme by Anie. Ihre Hündin Juni bildet die Vorhut und Alex mimt meistens das Schlusslicht, während wir über die Kieselsteine durch den Wald wandern.

Kleine Freuden zwischen Baumwurzeln

Hin und wieder schauen wir rechtzeitig hin. So entdecken wir zwischen Baumwurzeln und -ästen weiß-rote Pilze aus Holz. Meist hängt in der Nähe ein kleines Holzschild, auf dem romantisch, verspielt Botschaften stehen wie „pssst… fairies sleeping“ oder „Feengarten“. Eine Wildeckerin soll den zauberhaften Feenwald als Coronaprojekt erweckt haben. Mich begeistert es, wenn jemand so viel Liebe in etwas steckt, um damit andere zu erfreuen – einfach so. Deshalb lässt das Satz „Oh, da befindet sich noch eins“ mein Herz immer etwas hüpfen.

Unsere Unterhaltung ist aber wieder einmal so interessant, dass sie fast meine ganze Aufmerksamkeit erfordert. Nur mit wenigen Menschen kann ich so frei und entspannt reden wie mit Anie. Es klingt abgedroschen, aber über Gott und die Welt. Während ein Bach neben uns her plätschert und die Blätter im Wind säuseln, sprechen wir natürlich viel über Hunde, sei es über unsere eigenen oder allgemein über das Thema. Es geht aber auch um Ernährung, persönliches Wachstum, Trauma, Ängste, Träume, Bedürfnisse und alltägliche Erlebnisse. Wir sprechen über die Schwierigkeiten, die zwischen Menschen entstehen, weil einige entweder nicht bereit dazu sind, sich selbst zu hinterfragen und wertschätzend mit anderen umzugehen, oder es einfach nicht können.

Eine Entschuldigung hat noch keinem geschadet

Ich habe das Gefühl, dass viele nur noch an sich denken, und bei uns eine sehr stark ausgeprägte Ellbogengesellschaft herrscht. Ganz nach dem Motto „Was kümmern mich die anderen. Hauptsache, mir geht es gut.“ Oft werden einfach Sätze rausgehauen, egal ob sie jemand anderen verletzen. Kritik, wenn man sie denn so nennen mag, gibt es nur noch mit dem Vorschlaghammer: hart und zerstörerisch.

Natürlich entdecke ich mich manchmal auch dabei, dass meine Wortwahl vielleicht nicht die netteste war. Ich bemühe mich stets, den Leuten freundlich gegenüberzutreten, selbst wenn ich ihr Verhalten nicht gut finde. Wenn ich etwas nicht vernünftig und respektvoll herüberbringen kann, halte ich möglichst den Mund. Wenn ich von etwas keine Ahnung habe, sowieso. Falls doch unangemessene Worte meinen Mund verlassen, entschuldige ich mich. Das gilt aber nicht für alle.

Man muss nur einen Blick in die Sozialen Medien werfen. (Ich verteufele sie nicht grundsätzlich, sondern sehe sie als Segen und Fluch zugleich.) Was manche Leute dort herausspucken, empfinde ich als abartig und asozial. Es macht mich traurig. Es scheint, als sei keiner mehr bereit, Andere zu akzeptieren, wie sie sind. Nur weil jemand eine andere Meinung hat, ist er doch nicht schlechter als ich oder Du!

Andere Meinungen akzeptieren

Deshalb schätze ich meine Gespräche mit Anie so. In manchen Punkten teilen wir nicht die gleichen Ansichten, aber wir hören dem anderen zu, akzeptieren die Meinung und tauschen uns darüber aus. Nicht weil wir den anderen überzeugen wollen, sondern um ihn zu verstehen und zu respektieren. Mir hilft das außerdem dabei, mich selbst noch einmal zu hinterfragen, meine Ansichten zu überdenken, zu festigen oder vielleicht zu ändern und mich selbst besser kennenzulernen.

Auf dem Wanderparkplatz im Wildecker Tal erzähle ich ihr von einer Diskussion auf Facebook. Sie liegt über acht Jahre zurück, aber kürzlich wurde ich daran erinnert, weil ein neuer Kommentar kam. Leider wurden mir nur meine Antworten angezeigt. Ich habe mir die noch einmal durchgelesen und dabei festgestellt, dass ich Manches hätte besser formulieren können und dass manche meiner Sätze missverständlich waren. Die Sache an sich sehe ich heute immer noch ähnlich, aber ich würde mich anders ausdrücken und verhalten. Durch das Gespräch mit Anie wird mir erst ein Problem bewusst.

Die Diskussion drehte sich um einen bekannten Hundemenschen und ich bekam ordentlichen Gegenwind. Auch wenn ich die Antworten der anderen nicht mehr angezeigt bekomme, weiß ich noch ganz genau, dass einer schrieb: „Du magst ja ein netter Mensch sein (sinngemäß), aber deine Ansichten sind widerlich.“ Dabei hatten die Anderen und ich schon einige Übereinstimmungen. Das, was ich vermitteln wollte, gelang mir aber leider gar nicht. Nicht zuletzt, weil ich den Fokus verlor.

Nicht nur das Gute oder nur das Schlechte sehen

Ich konzentriere mich oft zu sehr auf das Gute. Sei es in Situationen oder bei Menschen. Ich kann dann sagen: Das und das finde ich zwar nicht in Ordnung und würde ich niemandem empfehlen, aber den und den Punkt finde ich gut. Das Negative blende ich dann aus, weil für mich feststeht, dass ich das nicht mache oder übernehme. Meine Diskussionspartner haben sich aber auf das Gegenteil konzentriert, also auf das Negative. Für die positiven Aspekte waren sie überhaupt nicht empfänglich, und deshalb lehnten sie die Person gänzlich ab und jeden, der nur ein gutes Wort über sie verliert. Ich hingegen finde es nicht richtig, jemanden zu verteufeln und gegen ihn zu hetzen, nur weil er sich teilweise falsch verhält.

Anie meinte zu mir, dass das vor allem bei extremen Menschen eben so sei. Sie versteifen sich auf ihren Aspekt. Der Rest wird ignoriert. Mir fiel auf, dass es bei mir nur bedingt anders war. Ich war zwar offen für ihre Ansichten und stimmte in einigen Punkten damit überein, aber ich konzentrierte mich zu sehr auf die, in meinen Augen, guten Aspekte. Und ich bin als ICH an die Sache herangegangen. Selbst bei den, in meinen Augen, schlechten Dingen, kann ich oft nachvollziehen, warum jemand etwas macht, fühlt und denkt, wie er es eben tut. Wenn ich die Umstände kenne, bringe ich meistens erst recht Verständnis auf. Dafür muss ich die Sache an sich nicht gutheißen.

Ich kann normalerweise bei Personen, Methoden, Dingen et cetera unterscheiden zwischen sinnvoll und nicht. Ich ziehe das Nützliche für mich heraus und das Andere verwerfe ich. Mir ist klar, dass das, was im Fernsehen gezeigt wird oder in den sozialen Medien, nur ein Bruchteil der Realität darstellt. Dass es um Quote geht und dass man nicht einfach etwas nachmachen sollte. Das können aber einige Menschen nicht, vielleicht einfach nur, weil sie nicht so wie ich daran gewöhnt sind und ihnen die jahrelange Übung damit fehlt. Und zugegeben: Mir gelingt das natürlich auch nicht immer. Deshalb sind manche Sendungen, Menschen, Methoden et cetera vermutlich doch negativer zu betrachten, als ich es tue.

Mit den Augen des anderen

Man sollte also nicht immer von sich auf andere schließen. Was man selbst weiß, kann und hat, gilt nicht für jeden. Wir bewerten aber immer mit unseren Augen, unserem Wissen, unseren Erfahrungen und unserem Können. Das lässt sich vermutlich nicht einfach abstellen, aber wenn man sich mit jemand anderem unterhält oder jemandem versucht, etwas beizubringen, sollte man versuchen, auch mit den Augen des anderen zu schauen. Klar, das ist nur bedingt möglich, aber ich finde, dass wir das manchmal zu wenig machen – mich eingeschlossen. Stattdessen stülpen wir den anderen gerne unsers auf und manche machen das eben ohne Angst vor Verluste in einer teils asozialen Manier. Das gilt nicht nur für das Miteinander unter Menschen, sondern ebenso für das Miteinander zwischen Mensch und Tier.

Wie oft wurde ich schon frustriert oder sauer, weil Alex etwas gemacht hat, was ich nicht wollte. Nicht selten sage ich dann Sätze wie: „So langsam musst Du das doch wissen!“ Selten frage ich mich, ob ich es tatsächlich verständlich kommuniziert habe. Habe ich meinem Hund tatsächlich deutlich gemacht, was ich will oder nicht will? Und damit meine ich nicht mit Härte, sondern für ihn verständlich. Alex ist kein Mensch, sondern ein Hund.

Wenn ich mich selbst mit Menschen missverstehe, wie kann ich erwarten, dass mein Hund immer alles gleich kapiert!? Was ich als deutlich und logisch empfinde, ist es für ihn nicht. Er liest dafür andere meiner Signale, wie meine Körperhaltung beispielsweise. Die vergesse ich aber nur allzu oft. Wenn meine Worte, meine Körpersprache, meine Energie und mein Verhalten nicht zusammenpassen, dann muss ich mich nicht wundern, dass Alex mich nicht versteht. Außerdem spielen die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse eine Rolle, wie jemand etwas versteht und verstehen kann.

Sich selbst hinterfragen

Egal ob mit Menschen oder Tieren: Eine erfolgreiche, respektvolle Kommunikation funktioniert nur, wenn man versucht, den anderen zu verstehen, indem man sich in ihn hineinversetzt, soweit das möglich ist. Den anderen akzeptiert, selbst wenn er Fehler macht. Denn Fehler machen wir alle. Sich fragt, warum denkt, handelt der andere so, wie er es tut. Manchmal weiß man es einfach nicht besser und macht deshalb Fehler. Davon ab ist Fehlverhalten meist subjektiv, abgesehen von Verstößen gegen Gesetze vielleicht. Was ich als falsch erachte, muss es für Dich nicht sein.

Und vor allem gehört zu einem guten Miteinander, sich selbst zu hinterfragen. Sind meine Worte verständlich, haben wir eigentlich den gleichen Ausgangspunkt und die gleichen Voraussetzungen, unterliege ich vielleicht einem Trugschluss und Ähnlichem?

Genau das erlebe ich bei unseren Hundewanderungen mit Anie. Zuhören, Verstehen, Hinterfragen, Akzeptieren und Freundlichkeit. Wie viel einfacher und friedlicher wäre das Leben, wenn es mit allen so wäre. Das ist natürlich utopisch und nicht immer so leicht, aber wie heißt es doch so schön: Übung macht den Meister.

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