Südmähren: eine kleine Traumtour mit Hund

Die zweite Nacht in Strachotin am Stausee Nové Mlỳny ist vorbei. Der Regen macht eine Pause, aber der Himmel bleibt grau. Wollen wir tatsächlich hier noch wandern gehen oder doch lieber weiterfahren? Ich bin definitiv fürs Wandern. Gestern hat uns der Regen eine Zwangspause beschert. Die tat zwar gut, aber nun habe ich Hummeln im Hintern. Also fahren wir Richtung Mikulov: Kerstin hat uns dort eine Wanderung herausgesucht.

Wir parken an der Straße, die an den Kalksteinbruch Lom Janičův vrch grenzt. Dieser soll im Sommer von den Tschechen als Naturschwimmbad genutzt werden. Jetzt ist er nicht ganz voll, sodass sich zwei kleine Seen gebildet haben, deren Wasser grün leuchtet und die von Steinwänden umringt sind. Während wir über den sandigen und teils felsigen Boden mit unseren Hunden wandern, begleitet uns wieder ein Knallen.

Ein Herz aus Stein

Bereits seit unserer Ankunft in den Südmähren von Tschechien hallt es immer wieder durch die Luft. Am ersten Abend auf dem Autocamp Free Star dachten wir, es wäre ein Feuerwerk. Am Tag danach ging es aber weiter. „Eventuell Bauarbeiten?“, meinte mein Freund am Telefon. Aber auch heute, am Sonntag, knallt es immer wieder. Sehr zum Leid von Alex. Ich sichere ihn doppelt – einmal mit seiner normalen kurzen Leine und zusätzlich mit der Jöringleine, die an meinem Bauchgurt befestigt ist.

Alex zuckt zwar zwischendurch leicht zusammen und seine Rute hängt etwas angespannt weiter unten, aber glücklicherweise nicht zwischen den Beinen. Auch springt er nicht ständig nach vorne. Also ist es noch erträglich für ihn, sodass wir einigermaßen entspannt durch das Schutzgebiet ans Wasser laufen. Mittlerweile haben wir die Ecke ganz für uns allein. Wir machen ein paar Fotos und erfreuen uns an dem Jurakalk, den grünen Seen und an einem Herzen, das aus Steinen gelegt wurde.

Dann wollen wir weiter. Es geht ein Stück an der Straße entlang, bevor wir nach links abbiegen können. Der Asphalt weicht dunklem Erdboden und der Wanderweg führt uns direkt in den Wald. Es ist warm und geht recht steil bergauf und so tropft mir bereits am Anfang schon die ein oder andere Schweißperle übers Gesicht. Ich konzentriere mich auf meine Atmung, um meinem ungewollten Schnaufen Herr zu werden. Trotz der anfänglichen Anstrengung gefällt mir die Tour schon jetzt. Wir wandern immer weiter den Berg hinauf. Zwischendurch müssen wir ein paar Äste und Baumstämme überqueren. Für Alex ist das natürlich eine Kleinigkeit: Galant und mit Schwung überwindet er die Hindernisse. Ich bin mittlerweile schon etwas außer Atmen, aber wir haben den Anstieg fast geschafft.

Der Pfad ist noch schmaler geworden und durch die Blätter erahne ich schon, dass wir gleich eine schöne Aussicht bekommen. Kurz darauf lichten sich die Bäume ein Stück und wir blicken mitten auf die Landschaft, die aus Feldern, einem See und Weinbergen besteht. Die Südmährische Region ist eine von 14 in Tschechien. Wie der Name es vermuten lässt, befindet sie sich im Süden des Landes und grenzt an Österreich. Im Vergleich zu unseren vorherigen Stopps wirkt das Gebiet fast wie eine Steppe. Zwar strahlen die Bäumen, Büsche und anderen Pflanzen in saftigen Farben, aber dennoch wirkt es um einiges trockener. Somit scheinen die Bedingungen optimal für den Weinanbau. Dieser hat rund um Mikulov und in den Südmähren eine sehr lange Tradition: Bereits seit fast 2000 Jahren ist das Landschaftsbild von Weinreben geprägt.

Trubel in 363 Meter Höhe

Beschwingt wandern wir weiter durch den Wald und über den Berg. Am Hang weichen die Bäume einer Wiese, die sich langsam den Weg nach unten bahnt, bevor sie abrupt endet, zumindest sieht es so aus. Unser Pfad ist nun steinig und wir erblicken bereits die weiße Wallfahrtskirche Sankt Sebastian. Die ersten Leute sind zu sehen und ich hoffe, dass nicht zu viel Trubel herrscht, wenn wir uns auf die andere Seite des Bergrückens begeben. Mein Blick schweift immer wieder von der Kirche, zum Wanderweg, zum tschechischen Umland und zu Alex. Seine Rute schwingt nun nicht mehr locker auf Rückenhöhe, sondern hängt ein Stück tiefer. Er ist leicht angespannt, aber Angst oder gar sein Panikmodus scheinen in weiter Ferne, sodass ich unbesorgt weiter wander.

Der graue Himmel sorgt vermutlich dafür, dass hier recht wenig los ist. Klar, wenn es nach Alex ginge, wäre niemand hier auf dem Heiligen Berg (Svatỳ kopeček). Doch es tummeln sich in 363 Meter Höhe ein paar Menschen an der kleinen Kapelle, dem Glockenturm und auch einige am Rand des Berges. Sitzend und stehend blicken sie von dort auf das Schloss Mikulov (Nicholsberg), dessen Ursprünge ins 13 Jahrhundert reichen. Allerdings hatte es im Laufe der Jahre zweimal mit einem Brand zu kämpfen. Erst erhielt das einstige Renaissanceschloss 1719 einen Barockstil und am Ende des Zweiten Weltkrieges brannte es vollständig ab. Jedoch ergriff ein Verein die Initiative und sorgte für den Wiederaufbau. Das Monument auf den letzten Ausläufern der Pollauer Berge thront somit wieder über die Stadt.

Alex nimmt es einigermaßen gelassen und bleibt ruhig, obwohl hier einige Menschen sind. Doch dann kommt ein Yorkshire Terrier auf uns zugelaufen. Alex und ich gehen ein Stück vor, um ihn auf Abstand zu halten. Zunächst ist es für Alex in Ordnung, aber der kleine wird leider etwas aufdringlich, sodass meinem Hund doch ein kurzes Knurren entfährt. Dann kommt auch noch ein zweiter Yorkshire Terrier angelaufen.

Für Alex wird es aber erst problematisch, als sich die Besitzerin dazugesellt. Sie versucht, die beiden Hunde einzufangen. Blöderweise springen sie die ganze Zeit um Alex herum, sodass die Frau sich immer wieder mit vorgebeugtem Oberkörper auf meinen Hund zubewegt. Davon ist er aber alles andere als begeistert: Alex empfindet das als Bedrohung und fängt nun auch an, wie blöd im Dreieck zu springen. Ich werde langsam wütend. Würde mich die Frau verstehen, würde sie jetzt etwas zu hören bekommen. Ihr Mann ist mittlerweile auch an dem Fangversuch beteiligt. Es dauert gefühlte Ewigkeiten. Ich kann mit Alex nicht weggehen, weil er die ganze Zeit um mich herumspringt und die beiden kleinen Hunde immer hinterher. Der Mann kann schließlich einen auf den Arm nehmen und irgendwann gelingt es der Frau, den zweiten zu greifen. Mir tut meine Hand weh, weil ich mir die Jöringleine da durch schleifte, als ich versuchte, Alex durch festhalten zu stoppen.

Auftakt für die Weinlese

Waren wir beide eben noch entspannt, sind wir jetzt genervt. Alex ist nun unruhig: Die schöne Aussicht interessiert ihn nicht die Bohne, er will einfach nur noch weg und ich auch. Also machen wir uns auf zum Abgang. Der Weg ist steinig und uneben. Einige Leute kommen uns mit Weingläsern entgegen.

Wie wir später erfahren, findet im Schloss nämlich gerade die alljährliche Pálava-Weinlese statt. Das Fest verwandelt Mikulov immer am zweiten Septemberwochenende für drei Tage in ein buntes Treiben: Ritterturniere, Hufeisenweitwurf, Armbrustschießen, Feuerwerk, Helikopterflüge, ein Handwerksmarkt und natürlich jede Menge Weinproben. Deshalb hören wir auch schon seit einer Weile laute Musik. Seit über 200 Jahre wird das Weinlesefest gefeiert, aber in Mikulov ist es erst seit über 40 Jahren Zuhause. Zuvor fand es in Klentnice statt. Es dient zum einen den Weinbauern als Auftakt für die Weinlese und zum anderen als Gedenken an die Befreiung des böhmischen Königs Wenzel IV.

Pálava heißt nicht nur das Weinlesefest , sondern auch das Landschaftsschutzgebiet rund um Mikulov sowie ein Berg des Nikolsburger Berglands (Mikulovská vrchovina), dessen Gipfel 461 Meter in die Höhe ragt.

Wir sind natürlich nicht die Einzigen, die den Berg hinunter wandern. Alex kann es aber gar nicht leiden, wenn Fremde hinter ihm herlaufen. Also beruhigt er sich noch immer nicht. Meine Gereiztheit verstärkt sicherlich das Ganze. Zum Überfluss knicke ich beim Überqueren der kleinen Felsbrocken um. Ein starker Schmerz durchzieht meinen Knöchel und das Bein hinauf. Verdammt! Meine Stimmung ist am Tiefpunkt – am liebsten würde ich ganz laut FUCK schreien. Mein Fuß benötigt eine Pause, aber Alex muss hier dringend weg. Also kurz durchatmen, Zähne zusammenbeißen und weiter. War die Wanderung bisher echt toll, fluche ich innerlich nur noch.

Der Wanderweg wird immer schmaler und somit bekommt Alex nicht mehr den Raum, den er benötigt, um Fremde entspannt an sich vorbeizulassen. Ein Pärchen geht mir besonders auf den Sack: Denn sie sind die ganze Zeit dicht hinter uns, was Alex beunruhigt. Immer wieder dreht er sich hektisch um und zieht an der Leine. Währenddessen rutsche ich den Wanderweg hinunter, anstatt zu gehen, weil ich mich von dem Spektakel ablenken lasse.

Also bleibe ich stehen, damit das Pärchen uns überholt. Sofort wird Alex etwas ruhiger und ich kann mich wieder auf den Abstieg konzentrieren. Doch das hält leider nicht lange an, denn das Pärchen stoppt auf einmal. Warum? Keine Ahnung. Hier gibt es außer Gebüsch und den Weg nichts zu sehen. Nachdem ich den beiden (nicht ganz gerechtfertigt) einen wütenden Blick zuwerfe, fummelt sie an ihrem Schuh herum (Übersprungshandlung? ;-)) und ich merke, dass wir wieder vorbeimüssen. Alex antwortet darauf natürlich mit Ziehen und leicht panischen Rückblicken.

Auf schmalen Pfaden durch den Wald

Zum Glück können wir nach einigen Metern abbiegen. Den Wegweiser finden wir nicht, aber die App leitet uns weiter. Der Pfad erstrahlt in einer Mischung aus Frühling und Herbst. Auf dem dunkelbraunen Waldboden liegen bereits die ersten gelben Blätter. Wir durchlaufen eine Allee, die allerdings noch in einem satten Grün leuchtet. Nun ist mein Frust wieder vergessen und ich sauge die nach Waldboden duftende Brise auf. Nachdem wir die Kurve genommen haben, lacht uns am Fuße des Heiligen Bergs der kahle Felsen an und wir blicken dieses Mal ein kleines Stück hinauf zum Schloss.

Kurz verschnaufen und dann geht es wieder ein Stück zurück. Ich hoffe nur, dass wir nicht zu lange auf dem Pfad wandern müssen. Es geht natürlich erst einmal bergauf. Es sind einige Meter, aber glücklicherweise sind dieses Mal weniger Menschen unterwegs. Dann können wir auch schon links abbiegen. Der Pfad wird noch schmaler, sodass ein Nebeneinander nicht mehr möglich ist. Auf Waldboden schlängeln wir uns am Hang entlang durch den Laubwald. Zwischendurch öffnet sich der Blätterteppich und ich blicke auf die tschechischen Weinberge der Südmähren. Hier ist niemand mehr unterwegs und ich genieße es wieder mit Hund in Tschechien zu wandern. Mal geht es leicht bergauf mal leicht bergab, der Pfad bleibt schmal und führt uns zu unserem Ausgangspunkt zurück. Zum Glück haben wir dem grauen Himmel und dem Regen der letzten Tage getrotzt, denn bis auf die „kleinen“ Zwischenfälle war es eine wundervolle Wanderung.

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