Mein Bein wackelt zügig hoch und runter. Alex fiept und wickelt sich immer wieder mit seiner Hundeleine um die Bank. Stillstehen oder sich hinlegen, will er nicht. Der Wind pustet über mein Gesicht und verstärkt das Rauschen des Gaskochers. Immer wieder muss ich die Hundeleine enttüdeln. Erneut bitte ich meinen Hund, sich hinzulegen. Dieses Mal klappt es. Ich bin genervt und kann das nicht verbergen. Unsere erste Nacht im Minicamper war nicht gut. Ich lag lange wach und wälzte mich hin und her. Die Isomatte brachte nicht genug Dämpfung zwischen meine Hüfte und den Boden meines Citroën Berlingos. Für meine bevorzugte Schlafposition, auf dem Bauch, war es nur geringfügig komfortabler. Trotzdem bin ich irgendwann eingeschlafen.
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Das Licht fällt durch die Autoscheiben. Da meine Vorhänge sicher in der Lagerbox in Bremen verstaut sind, fehlt die Abdunkelung. Ansonsten hätte ich vermutlich weitergeschlafen. Nun gut. Auf dem Parkplatz beim Badeplatz Mjälen möchte ich keinen Kaffee kochen. Lieber mit Aussicht auf den See Bolmen.
Trinkwasser im schwedischen See
Der Bolmen liegt am westlichen Rand des Bezirks (län) Kronoberg in Südschweden. Er ist der zwölftgrößte See in Schweden und er besticht mit seinem klaren, sauberen Wasser. Laut der Website von Visit Småland soll das Wasser sogar trinkbar sein. Außerdem liefert der Bolmen das Trinkwasser für den Bezirk Skåne. Das Wasser wird allerdings zusätzlich aufbereitet, bevor es den Wasserhahn verlässt.

An diesem Sitzplatz versuchte ich die Nudeln zu kochen. Das Ergebnis war leider etwas zu hart für al dente.
Also gehen mein Hund Alex und ich die rund 150 Meter bis zum Seeufer. Zwischen den Bäumen befinden sich Feuerstellen und Tische mit Bänken. Allerdings schlage ich den anderen Weg ein. Somit tragen uns unsere Füße und Pfoten über den Sand. Wir steuern den frei stehenden Tisch und die beiden Bänke an. Direkter Blick aufs Wasser. Eigentlich wundervoll, so seinen Morgenkaffee zu genießen. Die Betonung liegt auf „eigentlich“. Denn zunächst muss ich Kaffee kochen. Die Lehre vom Vortag habe ich scheinbar nicht verinnerlicht. Nicht einmal kapiert.
Unverhofft kommt oft
Gefühlte Stunden hatte ich am Vortag damit verbracht, an einer der Sitzgruppen zwischen den Bäumen, Spaghetti zu kochen. Es rauschte wie verrückt, aber das Wasser fing einfach nicht an zu kochen. Ich war zu verkopft und abgelenkt, sodass ich irgendwie nicht begriff, was schieflief. Dafür sorgte der Stress der letzten Tage und Wochen. Wir mussten unser geliebtes Ferienhaus in Bolmstad verlassen. Die Rückreise nach Deutschland stand sogar im Raum und für eine Weile gab es keine Aussicht auf eine neue Unterkunft – geschweige denn auf ein Zuhause. (In dem Artikel „Das Ende naht“ erzähle ich davon.)
Dann kam spontan eine Wende. Wie es nun am nächsten Tag erst einmal für uns weitergeht, steht fest: Wir beziehen einen exklusiven Stellplatz mitten im Wald direkt am See (mehr dazu in dem Artikel „Willkommen im Paradies“). Natürlich haben wir die Erlaubnis des Besitzers auf seinem Privatgrundstück zu stehen. Auch wenn viele anderes denken oder behaupten: Freistehen ist in Schweden nämlich NICHT erlaubt!
Wildcampen in Schweden und das falsch verstandene Jedermannsrecht
Keine Nachbarn, Blick auf den See, mit dem Konzert der Seemöwen und anderen Vögeln aufwachen mitten im Wald. Aus dem Minicamper, Wohnmobil, Dachzelt, Van oder dergleichen direkt in die Natur treten, die man ganz für sich allein hat – das wünschen sich viele Urlauber in Schweden. Allerdings ist das verboten. In Schweden gilt zwar das Jedersmannsrecht. Doch das besagt nicht, dass man mit einem motorisierten Gefährt freistehen darf. Das Jedermannsrecht gilt für Zelte. Also es ist erlaubt, die Heringe eines Zeltes in den Boden stampfen irgendwo im schwedischen Wald oder am See. Sofern es keine Verbotsschilder gibt und solange man sich außer Sichtweite von Wohnhäusern und Ähnlichem befindet. Es gilt aber nicht für dauerhaftes Zelten an einem Ort in der Natur. Wer mit Wohnmobil, Camper und Ähnlichem durch Schweden reist, muss hingegen entweder auf Campingplätzen oder offiziellen Stellplätzen einkehren. Auf vielen Parkplätzen darf man auch übernachten, teils kostenlos, aber nicht länger als 24 Stunden. Da einige Urlauber das ignorieren und sich einfach irgendwo in die Natur stellen, gibt es bereits einigen Ärger in Schweden. Manche fordern verschärftes Vorgehen und weitere Verbote. Damit das Jedermannsrecht und die Bedingungen fürs Campen nicht weiter eingeschränkt werden, sollten die Regeln natürlich eingehalten werden. Wer exklusive Stellplätze sucht, kann zum Beispiel über die App Eremit welche finden und kostenpflichtig für sich allein buchen. Außerdem gibt es das skandinavische Pendant zu Landvergnügen. Nortrip bietet die Möglichkeit, eine Nacht bei teilnehmenden Höfen in Schweden sowie Norwegen zu verbringen.
Bis zum „Paradies“ verbringen wir aber unsere Zeit am Bolmen. Auf dem Parkplatz am Mjälen darf man kostenlos stehen – zumindest für eine Nacht. An dem Badeplatz gibt es Toiletten und Trinkwasser. Da es um die Ecke unseres vorherigen Ferienhauses liegt, war ich schon öfter hier. Auch mit Alex. Denn Hunde dürfen mit an den Badestrand – allerdings nur angeleint. Bisher hatten wir den Badeplatz in Südschweden fast immer für uns. Auf dem Parkplatz standen dieses Mal zwei Wohnmobile und ein Campervan. Als wir zum Morgenkaffee aufbrechen, sind unsere Nachbarn aus den Niederlanden schon abgereist. Die anderen haben sich noch kein Stück bewegt.
Die schwedische Fika: mehr als eine Kaffeepause
Der Mjälen bietet sich nicht nur zum Baden an, sondern auch für eine kleine Hunderunde. Über den Badestrand gelangen wir auf einen Pfad. Auf der linken Seite Schilf und Wasser. Auf der rechten Seite führt ein mit Gras bedeckter Hang ein Stück hinauf. Der Weg führt später zwischen den Bäumen hindurch. Von dort führt ein Weg hoch in die Feriendorfsiedlung. Alex und ich nehmen aber immer den breiteren „Waldweg“ zurück zum Parkplatz.
Nun sitzen wir aber direkt am Wasser des Bolmens. Ein hervorragender Ort für eine Fika. Übersetzt wird es oft mit „Kaffeepause“. Aber das wird dem nicht ganz gerecht. Fika hat eine lange Tradition in Schweden. Es ist nicht nur eine Kaffeepause, sondern vielmehr ein Teil der Kultur und ein Lebensgefühl. Die Schweden nehmen sich jeden Tag Zeit für eine Fika. Eine Pause, die bewusst genossen wird. Egal ob mit Kaffee, Tee oder etwas anderem. Wobei viele Schweden schon ihren Kaffee lieben – meist Filterkaffee. Die Arbeit wird unterbrochen. Das Handy beiseitegelegt. Voller Genuss ohne Ablenkung. Die Fika steht also für ein entschleunigtes, bewusstes Leben voller Genuss.
Per App schwedische Lokale finden, in denen Hunde erlaubt sind
Eine Fika geht natürlich überall. Draußen, drinnen, zuhause, im Büro oder im Café. Letzteres geht in Schweden auch mit Hund. Viele Restaurants und Cafés erlauben zwar keine Hunde drinnen, aber das wandelt sich seit einigen Jahren immer mehr. Über die App „Bring the dog“ kann man Gastronomie und Hotels finden, die Hunde erlauben. Auf Schwedisch heißt die App „Ta med Hunden“ und auf der Website tadmedhunden.se lassen sich ebenfalls Restaurants, Cafés und Hotels finden. Natürlich sollte man immer vorab nachfragen, ob Hunde erlaubt sind, bevor man ein Lokal betritt.
Auch unser fast tägliches Ritual
Genau das ist ein Grund, warum mich Schweden so begeistert und warum ich mit meinem Hund in Schweden leben möchte. Sechs Monate sind wir schon in Südschweden, die Fika gehört fast von Anfang an für uns zum täglichen Ritual. Allerdings trinke ich oft etwas anderes als Kaffee. Ich liebe Kaffee, aber eher am Morgen. Früher habe ich ebenfalls im Laufe des Tages Kaffee getrunken. Mittlerweile nur selten. Im schwedischen Småland mache ich mir für die Fika entweder einen Chai Latte: schwarzen Tee mit mehr Milch als Wasser aufgekocht, Honig und etwas Zimt. Oder ich trinke meinen warm aufgebrühten Superfoodmix von Kiano Life. Für mich gehört zu einer Fika bestenfalls noch eine Zimtschnecke.
So haben Alex und ich einige Nachmittage auf der Terrasse unseres Ferienhauses verbracht oder auch im Wohnzimmer. Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, im Frühling und Sommer die Fika mit Hund mehr nach draußen zu verlagern. Also, dass Alex und ich gemeinsam irgendwohin wandern oder fahren, wo wir eine schwedische Kaffeepause einlegen und zelebrieren. Wie zum Beispiel hier am Bolmen. Der Badestrand eignet sich fast perfekt dafür. Denn wir haben ihn wieder für uns. Zur Ferienzeit im Sommer tummeln sich an der Badestelle des Bolmens sicherlich viel mehr Menschen.
Tannåkers Badplats
Das Ufer des Bolmen säumen viele Wälder. Industrie, großflächige Landwirtschaft oder größere Gemeinden: Fehlanzeige. Dafür gibt es manch Badebucht entlang des Sees. Eine befindet sich kurz vor der größten Insel: Bolmsö. Auf der einen Seite verbindet die Fähre die Ufer, auf der anderen Seite verbindet eine Brücke die Insel mit dem Festland. Kurz davor liegt Tannåkers Badplats.
Dabei handelt es sich um eine kleine Badebucht mit Sitzgruppen, bestehend aus Tischen mit Bänken und einer Feuerstelle. Einige Meter entfernt befindet sich eine Toilette. Sie erinnert an eine Dixietoilette. Reingeschaut habe ich aber nicht. Wie am Mjälen geht es an diesem Badeplatz flach ins Wasser. Somit eignet sich die Badestelle bei Tannåker gut, um die Pfoten zu kühlen. Angeleinte Hunde sind hier nämlich ebenfalls erlaubt. Der Badeplatz liegt direkt neben der Straße, weshalb man den Verkehr deutlich hört. Aber es ist trotzdem ein schöner Ort für eine (Bade-)Pause mit Hund.
Ich bin tatsächlich abhängig von Kaffee
Nun zelebrieren wir aber keine Fika, sondern eigentlich nur meinen wichtigen Morgenkaffee. Ohne den geht bei mir gar nichts. Ich muss zugeben, dass ich abhängig bin. Meine Laune geht ohne Kaffee am Morgen in den Keller oder bleibt dort. Ich komme auch insgesamt nicht in Gang. Aber dass ich tatsächlich kaffeesüchtig bin, zeigt sich anders. Vor einigen Jahren, als mein Hund und ich noch auf der Ostalb von Baden-Württemberg lebten, machte ich eine Saftfastenkur. Dazu gehörte, auf Kaffee zu verzichten. An Tag eins bekam ich ziemlich schnell starke Kopfschmerzen, die die darauffolgenden Tage anhielten. Zunächst kapierte ich es nicht. Erst als ich gemäß meines Berufes als Journalistin recherchierte, fand ich heraus, dass das am Kaffeeentzug liegen kann. Nach drei Tagen brach ich zwar nicht die ganze Saftkur ab, aber den Kaffeeverzicht. Es dauerte nur wenige Schlucke und die Kopfschmerzen waren weg. Seitdem war ich nicht mehr bereit, auf Kaffee zu verzichten. Ich meide es sogar strikt.
Mein Kopf fängt zwar im Småland noch nicht an zu pochen, aber meine Nerven liegen mal wieder blank. Ich brabbel auch schon leise Verfluchungen in Richtung Gaskocher. Hätte ich aus dem Vortag und dem Spaghettikochen die richtigen Schlüsse gezogen, wäre mein Becher längst voll mit Kaffee. Aber irgendwie habe ich zwar versucht, den Gaskocher etwas vom Wind abzuschirmen, aber dass am See einfach nicht der richtige Ort zum Kochen mit einem Gaskocher ist, solange der Wind bläst, drang irgendwie nicht ganz zu mir durch. Ich schiebe es auf die schlaflosen Nächte und den Stress.
chronischer Stress verschwindet nicht von heut auf morgen
Nach sehr anstrengenden Jahren, die ich beziehungsweise mein Nervensystem im Alarm- und Überlebensmodus verbracht hatten, schaffte ich es endlich aus dem Dauerstress. Das war harte Arbeit und dauerte Monate. Mit verschiedenen Dingen wie Bewegung, Atemübungen, Embodiment, Qigong, Selbstfürsorge und Selbstreflexion befand ich mich zwischendurch tatsächlich im grünen Bereich. Zwar schoss ich nach wie vor schnell wieder hoch, den roten Bereich erreichte ich jedoch seltener. Außerdem gelang es mir, den gelben und orangenen schneller wieder zu verlassen. Bis vor etwa einer Woche. Seitdem bin ich wieder voll drin: Hello again Dauerstress.
Atemübung
Es gibt verschiedene Atemübungen, die das Nervensystem beruhigen können. Mir hilft meist am Besten die 4-7-8 Variante. Auf 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen. Das ganze für ein paar Minuten wiederholen, möglichst bis es Wirkung zeigt.
Wie lange wir an dem See in Südschweden sitzen, weiß ich nicht. Gefühlt vergehen Stunden. Am Ende leert sich die Gaskartusche, ohne dass das Wasser gekocht hat. Immerhin wird es warm, sodass es einigermaßen reicht. Ich gieße es sehnsuchtsvoll über den kleinen Stoffbeutel, der mir als Filter dient. Dann muss ich erst einmal wieder warten. Mein Hund Alex liegt weiter auf dem Boden und bewacht unsere Umgebung. Zwischendurch ertönt ein Fiepen aus seinem Hundemaul. Er signalisiert mir damit, dass er eigentlich weiter möchte oder essen. Also selbst wenn es nicht morgens wäre, sondern nachmittags, könnten wir nicht entfernter von einer Fika sein. Die Ruhe, der bewusste Genuss und die Entschleunigung, die zu einer Fika gehören, bleiben bei uns zunächst leider fern.
Als das Wasser in meinem Becher sich so braun verfärbt, dass es an Kaffee erinnert, ändert sich meine Stimmung. Ein Schuss Milch dazu und kurz darauf fließt die lauwarme Flüssigkeit meine Kehle hinab. Mein Geist beruhigt sich kurzerhand. Selbst Alex legt nun seinen Hundekopf ab. Wieder einmal ein Zeichen, wie sehr ihn meine Stimmung beeinflusst. Jetzt erleben wir doch noch ein bisschen des Lebensgefühls einer Fika.
