Das hat mir eine langjährige Freundin geschrieben, als ich ihr per SMS ein Foto von unserem Stellplatz schickte. Ungläubig stehe ich noch vor meinem Minicamper, einem Citroen Berlingo, der meinem Hund Alex und mir die nächsten Wochen als Zuhause dient. Ich bin überrascht und wahnsinnig dankbar. Eine uns zuvor unbekannte Person lässt uns auf ihrem Grundstück in Südschweden kostenlos stehen. Mitten im Wald, direkt am See. Ein Platz ganz für uns allein. Zum Glück habe ich auf mein Gefühl gehört. Ansonsten wären wir jetzt zurück in Deutschland.
Die Rückreise stand fest. Alles andere als gewollt, aber eine andere Schulfreundin spielte die Stimme der Vernunft und machte mir ein sehr liebes Angebot. Verschiedene Umstände sorgten dafür, dass wir das kleine Schwedenhaus mit der blauen Tür verlassen mussten. Ich hatte nämlich den Mietvertrag einen Monat früher beendet. Denn einiges lief mal wieder anders als geplant und schief. Deshalb wollte ich eigentlich mit Alex etwas durch Schweden reisen. Bisher kenne ich nur den Süden, jedoch nicht die Mitte und den Norden von Schweden. Das wollte ich ändern. Dass es bis zum Norden zu weit für meinen Hund sein wird, war mir klar. Zwischen Ljungby und Haparanda an der Grenze zu Finnland liegen 1.455 Kilometer, wenn man die Autobahn fährt. Ich wollte deshalb einfach schauen, wie weit wir kommen. Dass ein Roadtrip für meinen Hund gar nicht passt, erkannte ich erst später. (In meinem Artikel „Das Ende naht“ hatte ich manches schon erzählt. Deshalb halte ich den Teil kurz.)
Derzeit kein eigenes Zuhause in Deutschland
An dem Dienstag vor unserem Auszug packte mich die Verzweiflung. Einem Impuls folgend telefonierte ich mit der eben erwähnten Schulfreundin. Es gab wieder eine Extraportion Herausforderungen und dann die Sorge, Alex zu schaden. Meine Freundin bot mir an, in dem Schrebergarten ihres Vaters vorübergehend kostenlos zu wohnen (vielen Dank nochmal an dieser Stelle!). Sie meinte (sinngemäß): „Das ist kein Scheitern. Du hast es wenigstens versucht, was sich viele wünschen, aber nicht trauen. Und wenn es Euch wieder besser geht, kannst Du ja wieder zurück.“

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An dieser Stelle sei erwähnt: Ich habe keine Eltern mehr und in Deutschland derzeit kein eigenes Zuhause. Ich wohne bei meinem Bruder, das wäre jedoch derzeit nicht die beste Lösung zum Wohnen — aus verschiedenen Gründen. Die Wohnung befindet sich beispielsweise im vierten Stock. Drei- bis viermal am Tag die vielen Stufen zu laufen, ist für Alex derzeit keine Option, aufgrund verschiedener Probleme am Bewegungsapparat. Die Lage direkt an einer Hauptstraße in Bremen ebenso wenig.
Bin ich falsch gepolt?
Unter meinem Schluchzen schrie mein Kopf: Neeeeeeeiiiiiiiiiiinnnnnnn!!!!! Trotzdem sagte ich zu. Meine Freundin half mir auch glücklicherweise noch mit anderen Dingen (aus tiefstem Herzen Danke!). Nach dem Telefonat ging es mir deutlich besser. Nur die Rückreise belastete mich. Ich fragte mich, warum mein Kopf „nein“ schrie? Er sollte doch die Vernunft darstellen. Oder war ich irgendwie anders gepolt: die Vernunft im Bauch, das Gefühl/die Intuition im Kopf? Vielleicht wusste mein Verstand bereits, dass es besser für mich ist, wenn ich in Schweden bleibe.
Anschließend kümmerte ich mich um weitere Dinge. Packte unsere Koffer und putzte das Ferienhaus. Das ungute Gefühl bezüglich der Rückreise blieb beharrlich bestehen. Klar, erst einmal keine Miete oder Campingplätze bezahlen und somit Geld sparen, war sehr verlockend. Aber Schweden war und ist mein Traum. Ich bin seit meiner Kindheit oft umgezogen. In den letzten fünf Jahren sogar fünfmal, wobei zweimal innerhalb des gleichen Ortes. Nirgends habe ich mich so Zuhause gefühlt, so frei, sicher und wohl wie in Schweden. Und dann tauchte in mir immer wieder der Satz auf: „Endlich bist du Zuhause“.
Ich will NICHT zurück nach Deutschland!
Das konnte und wollte ich nicht aufgeben. Da ich einen anderen Grund, weshalb die Rückreise auch nötig gewesen wäre, anders lösen konnte (tausend Dank an meinen Bruder und meine Freundin Anie!), entschied ich mich gegen die Vernunft. Ich schrieb meiner Freundin. Zuerst dass ich in Etappen hinunterfahre, um die Rückreise von Schweden nach Deutschland etwas stressfreier für meinen Hund Alex und mich zu gestalten.

Mit Hund und Minicamper am Bolmen übernachten



Je näher der Abreisetag rückte, umso so klarer war ich mir: Ich will nicht zurück nach Deutschland. Zwei vorherige Alternativen wegen einer temporären Unterkunft in Schweden musste ich leider absagen. Die kamen aus Gründen nicht mehr infrage. An dieser Stelle auch noch ein dickes Dankeschön an ein Mitglied von „Hund im Gepäck“, der mir ebenfalls eine Unterkunft in Schweden für später anbot! Obwohl wir uns nicht persönlich kennen. Meine Hoffnung, doch noch irgendwie in Schweden zu bleiben, sorgte dafür, dass ich am Auszugstag sogar noch eine Hausbesichtigung vereinbarte.
Und stärkte sich durch eine Idee meiner anderen Schulfreundin, die ich im Titel des Beitrags zitiere. Als sehr erfolgreicher Tierarzt für Pferde kommt sie weltweit sehr viel herum. (Hinweis: Den Begriff „Tierarzt“ habe ich bewusst gewählt: Meine Freundin meinte mal zu mir, dass sie Tierarzt sei und den Begriff „Tierärztin“ nicht mag. In England gibt es die weibliche Form gar nicht und dort hat sie über zehn Jahre in einer renommierten Pferdeklinik gearbeitet.) Durch ihre Arbeit besucht sie regelmäßig Sportreitställe und meinte, dass die immer vernünftiges Personal mit Pferdeerfahrung suchen. Teilweise bekommt man dort wohl zusätzlich eine Unterkunft – zumindest vorübergehend. Außerdem sei die Arbeitssprache meist Englisch, weil die Sportreitställe ja oft international agieren. Pferdeerfahrung habe ich und Englisch spreche ich ebenfalls. Also schrieb ich 13 Reitställe in Südschweden an. Es war ein Hoffnungsschimmer. Deshalb wollte ich die Fährfahrt von Trelleborg nach Rostock so lange wie möglich hinauszögern.
Spontane Absage
Meinem omnipräsenten Unmut und einem Impuls folgend sagte ich den Schrebergarten dann ganz ab. Ohne zu wissen, wie es weitergeht. Klar war nur, dass Alex und ich zwei Nächte in der Nähe von Ljungby im Minicamper übernachten. Schließlich hatte ich noch einen Termin beim Tierarzt vereinbart. Krallen schneiden.
Alex hat Wolfskrallen. Das sind kleine Krallen an den Hinterbeinen, die viele Hunde gar nicht haben. Die wachsen bei Alex mittlerweile schneller, als ich schauen kann. Da die rund wachsen, besteht die Gefahr, dass die spitzen Krallen in die Haut einwachsen. Und das war fast so weit. Deshalb buchte ich noch den Termin in der Smådjursklinik in Ljungby. Wie es danach weitergeht. Keine Ahnung.
In unserer schwedischen Nachbarschaft wohnt ein Paar aus der Schweiz. Mit denen habe ich mich angefreundet. Und Alex mit deren Hündin. Durch die zweijährige Mira mimte Alex den Jopie Hesters und erlebte einen Frühling voller Lustgefühle – trotz Kastration.

Exklusiver Campingplatz für meinen Hund und mich in Südschweden

Ein weiterer Hoffnungsschimmer
Unsere neuen Freunde kamen auf eine Idee. Einer ihrer Freunde lebt in Osby kommun in Skåne län. Er hat ein großes Grundstück mit Wald am See. Dort gibt es eben Orte, die sich als Stellplatz eignen und eine Hütte für meine ganzen Sachen. Die mussten schließlich irgendwohin, damit Alex und ich im Auto schlafen können.
Sie fragten ihn und am Sonntag, unserem Auszugstag, lernte ich ihn kennen. Kurzerhand stimmte er der Idee zu. Da war ich schon völlig baff über diese Hilfsbereitschaft eines Fremden. Meine Campingsachen habe ich schlauerweise alle in Deutschland gelassen. Schließlich dachte ich, dass ich entweder in dem Ferienhaus bleibe oder direkt in ein neues Heim ziehe, sodass ich die Campingsachen erst einmal nicht benötige und sie in Ruhe nachziehen können.
Komm ins Rudel
Meine Schweizer Freunde halfen uns mit einigen Dingen wie Isomatte, Campingkocher und Lampe aus. Jetzt hatte ich auch einen kostenfreien exklusiven Stellplatz nur für uns. Das hatte ich mir die Tage zuvor so sehr gewünscht. Die Sache mit Sanitär und Strom müsste noch gelöst werden, aber ich schob das auf. Zumal ich noch so mit Packen und Putzen beschäftigt war. Außerdem musste ich noch über eine Stunde zu der Hausbesichtigung fahren. So viel dazu: Es hat sich gelohnt! Der Mietvertrag ist unterschrieben. Bis zum Einzug dauert es allerdings noch, da das Haus erst Ende August frei wird. Und erst dann glaube ich es.
Ein fast perfekter Ort für meinen Minicamper, meinen Hund und mich
Nach zwei Nächten am Bolmen und dem Tierarztbesuch fuhren wir also rund 50 Minuten ein Stück in Schweden hinunter. Unser „Gastgeber“ hat mir direkt bei der Ankunft angeboten, Bad und Küche im Haus zu benutzen. Also die Sache mit Sanitär und Strom löste sich von alleine. Ganz nach dem Motto der Schweden: Det ordnar sig / Det löser sig. (Das löst sich./Das klappt schon.) Sogar ein Zimmer könnte ich haben, wenn es zu viel regnen sollte oder ich doch nicht mehr im Auto schlafen will. Das lehnte ich erst einmal dankend ab.
Und jetzt stehe ich hier. Ungläubig am See. Alex liegt in der Abendsonne auf dem Rasen. Ich hatte unsere Zeit in Schweden zwar ganz anders geplant, aber so einen Stellplatz hatte ich mir tatsächlich in letzter Zeit gewünscht. Ich kann es immer noch nicht fassen. Genauso wenig wie hilfsbereit ein Fremder zu uns ist. Nun kann ich schon einmal etwas aufatmen. Zur Ruhe kommen. Kraft tanken. Und mit neuer Energie die noch zu bewältigenden Probleme lösen. Natürlich trifft es das nicht ganz, aber meine Freundin hat nicht völlig unrecht mit ihren Worten: In gewisser Weise sind mein Hund und ich im Paradies.
