Das Ende naht

Ich spüre deutlich meinen Puls. In meinem Kopf wirbeln die Gedanken nur so durcheinander. In meinem Bauch fühle ich zwischendurch ein warmes Gefühl der Entspannung und Verbundenheit. Dann schlägt mein Nervensystem wieder Alarm. Wo ist nur die Zeit geblieben? Ein Satz, den ich schon oft gehört habe, aber immer mit einem genervten Gefühl. Denn die Zeit an sich verändert ihre Geschwindigkeit ja nicht. Das kommt einem nur so vor. Und dennoch geht mir der Satz durch den Kopf. Daneben die Ungewissheit. Wie es in nicht einmal zwei Wochen weitergeht, weiß ich nicht.

Anfang Dezember 2025 haben mein Hund Alex und ich uns auf den Weg gemacht. Von unserer damaligen Heimat in Hessen über meine Heimatstadt Bremen nach Ljungby kommun in Schweden. Nervenaufreibende Wochen, Monate und Jahre lagen hinter uns und endlich kamen wir an, an dem fast perfekten Ort. Ich hatte von der ersten Zeit in Schweden in dem Artikel „Und plötzlich ist der Traum wahr: mit Hund in Schweden“ berichtet.

Wenn die Freude zu ungewohnt ist

Ich weiß noch, wie ich das erste Mal mit Alex am Ufer des Lillasjö in Bolmstad stand. Meine Mundwinkel zogen bis zum Anschlag nach oben. Weite in meiner Brust. Strahlende Augen. Das Gefühl der puren Freude und Glückseligkeit hielt nicht lange an. Ziemlich schnell verdrängte es die Angst. Ich habe die Jahre zuvor in einem dauerhaften Alarmmodus verbracht. Mein Nervensystem war ständig im roten Bereich und ließ sich, wenn überhaupt, nur in den orangenen senken. Als ich da an dem See im Småland stand, entspannte mich das leise, gleichmäßige Plätschern des Wassers. Mein Inneres kam jedoch mit dieser Ruhe und Freude nicht klar. Schließlich war die völlig ungewohnt.


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Die darauffolgende Zeit in Südschweden war toll, aber auch hart. Zwar hatte ich endlich den Raum, die Freiheit und Ruhe, nach denen ich mich seit Ewigkeiten gesehnt hatte. Die Erlebnisse der Vergangenheit waren allerdings noch unverarbeitet. Sie saßen fest in meinem Körper. Stück für Stück zeigten sie sich in Form von Heulkrämpfen, Wutausbrüchen und Panikattacken. Erst dachte ich, dass das schlecht wäre. Aber je mehr ich mich damit beschäftigte und all die Emotionen zuließ, verstand ich, dass das völlig normal ist. Erst wenn das Nervensystem, der Körper, das Innere sich sicher genug fühlen und Ruhe findeen, kann es die vorherigen Belastungen zulassen. Während der Herausforderungen kann man sich zusammenreißen und alles vielleicht noch irgendwie hinbekommen. Erst danach lässt man los. Deshalb wird man oft erst am Wochenende oder im Urlaub krank. Und das war der Grund, warum die erste Zeit in Schweden für mich emotional sehr extrem war.

„Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.“ André Gide

gutezitate.com

Das legte sich mit der Zeit, leider blieb jedoch manch Herausforderung hartnäckig bestehen und neue kamen hinzu. Zum Teil, weil ich mal wieder aus irgendeiner Angst heraus nicht die beste Entscheidung getroffen habe. Ein Teil von mir würde sagen, ich habe einige Fehler gemacht. Ein anderer denkt, dass in vielen Fällen keine Entscheidung nur richtig oder falsch ist. Es gibt meist mehr als eine Möglichkeit und sie alle haben oft gute sowie schlechte Seiten.

Manchmal wird der Weg einfach nur leichter oder schwieriger

Manchmal entscheidet die Wahl die folgende Richtung, in die das Leben sich entwickelt (ich glaube nämlich nicht daran, dass das Leben komplett vorgegeben ist). Ein anderes Mal bleibt der Weg aber vielleicht ziemlich gleich und die getroffene Entscheidung bringt nur jeweils andere Ereignisse und Entwicklungschancen und macht den Weg eventuell leichter oder eben etwas schwerer. Ich habe mal wieder Entscheidungen getroffen, die mir an manchen Stellen das Leben etwas erschweren. Und manche Entscheidung habe ich noch nicht getroffen. Dabei rennt die Zeit. Wieder so ein blöder Spruch. Dennoch beinhaltet er viel Wahrheit.

In zwei Wochen müssen mein Hund Alex und ich nämlich unser kleines Schwedenhaus verlassen. Bisher weiß ich noch nicht, wie es danach weitergeht. Das beunruhigt mich einerseits. Andererseits bin ich zuversichtlich. Ähnliches habe ich schon mehr als einmal erlebt und ich weiß, wie kurzfristig sich neue Chancen ergeben können, sofern man sich dafür öffnet. Ich weiß, für einige wäre das nichts, und ich habe für diese gelebte Einstellung schon oft zweifelndes Unverständnis gepaart mit etwas Bewunderung dafür geerntet. Aber so bin ich – normalerweise.

Allerdings haben die letzten Jahre mein Vertrauen und meine Zuversicht ziemlich erschüttert. (Manches habe ich in Blogartikeln erzählt, wie zum Beispiel in diesen: „Armut mit Hund“, „Auf Freud folgt Leid“, „Schlaflos im Zelt mit Hund und Happy End“ und „Das Ende der Mohnblüte“). Trotzdem bleibt diese innere Ruhe und wenn der Kopf in Panik verfällt, wie wild das Internet durchsucht nach Möglichkeiten, Nachrichten schreibt, telefoniert und dabei ganz das Essen und Trinken vergisst. Wird die Stimme lauter und sagt: „Irgendwie wird das schon werden. Du hast erstens schon ganz andere Dinge geschafft und zweitens haben wir dann Sommer. Zur Not gehen wir campen.“ Das war eigentlich der Plan. Wobei, nein, nicht ganz. Ich hatte ursprünglich gehofft, dass wir die Stuga in Bolmstad länger bewohnen können, wenn nicht gar dauerhaft.

Wenn sich der Wunsch als unpassend erweist

Im Februar oder Anfang März bekam ich das Angebot. Allerdings mit dem Hinweis, dass wir dann im Sommer für einige Wochen bis zu zwei Monate das Schwedenhaus verlassen müssten. Denn in der Zeit wird es an Feriengäste vermietet. Erst war ich Feuer und Flamme. Schließlich liebe ich dieses kleine Haus mit der blauen Tür. Die Umgebung ist fantastisch und unsere schwedischen Nachbarn sind alle nett sowie hilfsbereit. Und was natürlich noch am meisten zählt: Alex fühlt sich hier wohl und hat einen menschlichen Freund sowie eine hündische Freundin gefunden. Abgesehen von der für ihn etwas zu steilen Treppe und dem fehlenden Gartenzaun.

Nach ein paar Tagen legte sich die Euphorie. Denn mir wurde klar, dass sich das jedes Jahr wiederholen würde. Außerdem würden die Möbel bleiben. Ich vermisse aber sehnlichst mein Bett. Davon ab kann ich dadurch eigentlich nur zwei Räume komplett nutzen. Am Esstisch im Wohn-Esszimmer zu arbeiten funktioniert, aber auf Dauer passt das nicht. Ein Arbeitszimmer wäre schon besser. Drei von vier Räumen sind hier allerdings Schlafzimmer und zu klein, um meinen Schreibtisch aufzustellen. Außerdem möchte ich Alex nicht diesen ständigen Wechsel zumuten.

„Und plötzlich weißt du: Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.“ Meister Eckardt (Urheber aber nicht eindeutig geklärt)

Zitat des Tages

Er gehört grundsätzlich zu den Hunden, die Stabilität und ein vertrautes Zuhause benötigen. Aufgrund seines Alters hat sich dieses Bedürfnis verstärkt. Mit regelmäßigen Wechseln kommt er nur noch bedingt zurecht. Das hat sich ganz klar im Februar gezeigt. Da zogen wir von dem kleineren Schlafzimmer ins größere. Es hat Wochen gedauert, bis er abends nicht mehr erst in das alte Schlafzimmer gehen wollte. Aufgrund der steilen Treppe nehmen wir die gemeinsam. Und ich halte ihn an der Leine, um ihn gegebenenfalls aufzufangen oder zu stützen. Noch heute biegt er meistens erst nach links ab.

Mit Hund durch Schweden reisen

Allerdings glaube ich langsam, dass ihm die Seite einfach leichter fällt. Der Bereich am Treppenabsatz oben ist schmal und zur rechten Seite befindet sich noch eine Schwelle von etwa fünf bis zehn Zentimetern. Die hat er in der anderen Richtung nicht. Er dreht dann immer gleich um und geht dann in unser Schlafzimmer. Aber es hat eben gedauert. Und unter anderem deswegen bin ich nun unseren Reiseplänen gegenüber skeptisch.

Ich dachte, wir fahren ein bisschen durch Schweden. Etwas weiter nach oben durchs Värmland in Mittelschweden, vielleicht auch noch ins Jämtland und über die schwedische Ostküste zurück. Schließlich kenne ich bisher nur Teile von Südschweden. Autofahren fand Alex noch nie wirklich gut. Ruhige, entspannte Roadtrips, bei denen man nur wenige Stunden fährt, maximal zwei bis drei. Dann zwischendurch einen Stopp von ein paar Tagen machen, das ginge an sich schon. In unserem Minicamper findet er abends und nachts gut zur Ruhe. Aber ich habe jetzt etwas Sorge. Deshalb habe ich mich wieder auf die Suche begeben. Ein Haus, das wir dauerhaft mieten können, war leider noch nicht dabei. Das erweist sich auch als nicht so einfach, weil ich mich noch nicht in Schweden angemeldet habe. Für Selbstständige gibt es ein paar mehr Hürden. Bewältigbar, aber ich bin noch etwas vorsichtig.

Die Zukunft ist noch ungewiss

In den letzten Tagen habe ich dann verschiedene Möglichkeiten entdeckt. Auch über Wohnen gegen Hand denke ich nach. Allerdings bin ich ein Einsiedler und je älter ich werde, umso mehr Raum brauche ich für mich allein. Ich habe immer noch gerne Kontakt zu Menschen, aber wohl dosiert und in Maßen. In meinem Leben habe ich schon mehrfach in Wohngemeinschaften gelebt und kam immer zu dem Ergebnis, dass ich dafür einfach nicht gemacht bin. Ich bin Schütze und liebe sowie brauche meine Freiheit. Falls Du Dich schon einmal mit Human Design beschäftigt hast: Ich bin ein Generator mit dem Profil 2/4: Die 2er-Linie steht quasi für den Einsiedler und die 4er-Linie für den Netzwerker. Ich weiß nicht, ob an Sternzeichen und das Human Design tatsächlich für alle stimmen beziehungsweise passen, vermutlich nicht. Allerdings finde ich mich darin tatsächlich eins zu eins wieder.

„Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten'“
Willy Brandt (nicht eindeutig geklärt)

GEOlino

Nun gut. Eine vorübergehende Möglichkeit habe ich ab Juni, eine ab Mitte August und diese Woche schaue ich mir noch etwas an. Bisher sagt mein Gefühl nirgends eindeutig „Ja“ zu. Vielleicht, weil es unserem kleinen roten Schwedenhaus schon jetzt hinterher trauert? Denn mir erscheint es nach wie vor fast perfekt. Vielleicht jetzt noch mehr, weil wir es bald verlassen müssen?! Früher hätte ich mir keine Gedanken gemacht, aber durch die letzten Jahre und weil ich zeitgleich auch noch andere große Herausforderungen meistern muss, wodurch sich mein Nervensystem wieder einmal fast nur im Daueralarm befindet, wechsle ich zwischen Zuversicht und Angst. Aber tief in mir drin bin ich überzeugt, dass es gut gehen wird. Solange ich offen bleibe für verschiedene Möglichkeiten. Und wer weiß, vielleicht finden Alex und ich doch früher unser „perfektes“ Für-immer-Zuhause, wo auch immer das sein mag.


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