Schwedenpost: Auf der Suche nach Norrsken

„Wuuuup, wup, wupp, wuuuppupp.“ Verwirrt bleibe ich stehen. „Was war das?“ frage ich mich halblaut. Mein Hund Alex bringt die Leine auf Spannung. Er will nicht stehenbleiben, schließlich stand er eben nicht ohne Grund vor der Haustür. So zeigt er mir, dass seine Blase drückt und er raus muss. Ich lausche aber erst einmal weiter. „Klack, klack, klack“, meine Ohren hören die schwedische Flagge des Nachbarhauses, die am Fahnenmast im Wind tanzt. „Sssszzzzsszzzssszz.“ Dann gesellt sich das ebenfalls bekannte Drehen der Luft-Luftwärmepumpe hinzu. Das andere Geräusch verstummt. Also gehen wir weiter, sehr zur Alex Freude, der aber nach wenigen Schritten mit gespreizten Hinterbeinen stehenbleibt. Es folgt ein „Schschschschsch.“ Mit dem Druck aus Alex Blase verschwindet auch der Druck von der Hundeleine. Sie hängt wieder leicht durch, während wir auf der in Dunkelheit gehüllten Straße entlang schlendern. Es klopft etwas stärker in meiner Brust. Das fing aber schon im Haus an.

___STEADY_PAYWALL___

Lieblingsbild Januar 2026

Während der braune Leinsamenschleim im Wasser auf dem Herd blubbert, recherchiere ich nebenbei. Blöderweise habe ich vergessen, mein Rezept für mein Schilddrüsenmedikament rechtzeitig einzulösen. Da ich noch in Deutschland gemeldet und krankenversichert bin, muss ich schauen, wie ich in Schweden das L-Thyroxin bekomme. Während ich vertieft auf mein Smartphone starre und Wörter wie „private Ärzte“, „Rezept privat bezahlen“ lese, ploppt eine Mitteilung auf meinem Display auf. Farblich sieht es aus, wie die Banking-App meines Geschäftskontos. Mich irritiert es zwar, schließlich schickt es mir nur in ausgewählten Fällen Nachrichten und auch nicht auf Schwedisch. Statt mir die Benachrichtigung genauer anzuschauen, wische ich sie weg. Schließlich bin ich in meine Recherche vertieft. Nur der blubbernde Leinsamenschleim fordert zwischendurch meine Aufmerksamkeit und so schwinge ich den Löffel durch den Topf. Der ist übrigens nicht für mich, sondern für Alex, um seine Schleimhäute etwas zu schützen, aufgrund seiner chronischen Gastritis.

Es ist doch eine andere App

Wieder ploppt eine Benachrichtigung mit schwedischen Wörtern auf meinem Smartphone auf. Wieder wische ich sie weg. Alex weicht von meiner Seite und stellt sich vor die Haustür. „Einen Moment, Dein Leinsamenschleim ist gleich fertig und dann gehen wir raus“, sage ich zu ihm. Während ich zum letzten Mal mein Handgelenk locker erst nach links und dann nach rechts kreisen lasse, um den Leinsamenschleim im Topf noch einmal kräftig durchzurühren, kommt mir in den Sinn: „Die Benachrichtigungen stammen nicht von meiner Banking-App.“ Ich drehe den Schalter des Herds auf Null. Tippe den Code auf das Display, um mein Smartphone zu entsperren. Als sich mein Bildschirm zeigt, wird mir gleich klar, welche App die Benachrichtigungen schickt: Norrsken. Und genau deshalb fängt mein Herz merklich an zu klopfen.

Polarlicht, Nordlicht, Südlicht

Das Polarlicht auf der Nordhalbkugel wird auch Nordlicht genannt oder wissenschaftlich Aurora borealis. Das Polarlicht auf der Südhalbkugel wird hingegen Südlicht genannt oder wissenschaftlich Aurora australis. Die Polarlichter entstehen, wenn geladene Teilchen der Sonne auf die Erde treffen. Kollidieren diese Partikel in der oberen Atmosphäre mit Sauerstoff und Stickstoff, fängt der Himmel an zu leuchten. Das grüne Leuchten entsteht durch Sauerstoffatome in etwa 100 bis 150 Kilometern Höhe. Das rote Licht bildet sich weiter oben, nämlich in ungefähr 150 bis 350 Kilometern über der Erde. Theoretisch kann sich das Nordlicht das ganze Jahr über zeigen, aber am häufigsten taucht es zwischen September und März auf, weil es dann nachts dunkel genug ist, um das Nordlicht zu sehen.

An sich soll das Nordlicht wohl still sein. Es können jedoch Effekte entstehen, die weiter unten in Bodennähe, etwa 70-100 Meter davor, Geräusche auslösen können. Allerdings können die variieren. Nicht selten sollen sie wie klatschen, knacken oder echohaft klingen. Allerdings treten sie nicht immer auf, sondern nur unter bestimmten Wetterbedingungen. Laut einem Artikel auf stern.de sagt der finnische Forscher Unto Laine von der Aalto-Universität in Helsinki, dass die elektrischen Ladungsgeräusche nur auftauchen, wenn die Luft in den höheren Lagen wärmer ist als in den tieferen Lagen. Das, was ich gehört habe, klang zwar deutlich anders als in dem Video des Stern-Artikels, aber trotzdem denke ich, dass es mit dem Polarlicht in Zusammenhang stand.

In dem kürzlichen erschienen Artikel „Ein rumänischer „Schlittenhund“ im schwedischen Småland“ schreibe ich, dass man auch im schwedischen Småland das Nordlicht sehen kann. Auf Schwedisch „Norrsken“. Meine Recherche ergab, dass es gerade auch bei den beiden Seen Vättern und Bolmen öfter zu sehen sein soll. Ich freue mich, denn vom Bolmen trennen uns nur wenige hunderte Meter. Zwei Tage nach der Veröffentlichung meines Blogartikels schickt mir mein Vermieter eine SMS mit Fotos von einer Nachbarin. Grüne, pinke und rote Lichter mischen sich zwischen das schwarz am Himmel. Außerdem sind die Lichter von Häusern zu sehen. Von meinem Haus. Einerseits freue ich mich über die Bilder, andererseits sackt mein Oberkörper kurz nach vorne und ich seufze. Ich hätte nur aus dem Fenster schauen müssen, aber ich habe entweder geschlafen oder war im Wohnzimmer. Deshalb habe ich das Himmelspektakel nicht erlebt.

Nix wie raus!

Wenige Tage später treffe ich einen anderen Nachbarn und wir sprechen in einem Mix aus englischen und schwedischen Sätzen auch über diesen Abend. Er erzählt mir von seiner App „Norrsken“, die ihn immer informiert, wenn das Polarlicht sichtbar werden kann bei uns in Ljungby kommun. Ich bin begeistert. Denn jetzt müssen Alex und ich nicht mehr wie zuvor getrieben von der Hoffnung durch die kühlen Abende laufen. Kurzerhand lade ich die kostenlose App herunter. Die ist zwar auf Schwedisch, aber trotzdem leicht verständlich. Natürlich stehen die Chancen die nächsten Tagen schlecht: Die Prognose zeigt lauter 2en und 3en an. Erst ab einem Wert von 5 besteht die Chance, das Nordlicht zu sehen. Ich hatte es schon vergessen und dann ploppt endlich die Nachricht auf. Also, nix wie raus.

Favoriten, der neu gelernten schwedischen Wörter

Alex bekommt jetzt regelmäßig zu hören: „Du är underbar.“ Deutsch: „Du bist wunderbar.“

„Där stod hästen och mumsade havre ur en soppskål.“ Aus Pippi Långstrump von Astrid Lindgren Frei übersetzt heißt das, „Dort stand das Pferd und knusperte/knapperte Hafer aus einer Suppenschüssel.“

Ich mag das Wort, zumal „nyckel“ auf Deutsch eigentlich „Schlüssel“ heißt.

Während ich darüber nachdenke, ertönt wieder: „Wuuup, wupwup, wuuuupuuup.“ Ich bleibe stehen. Blicke mich um. Dieses Mal scheint es, als komme das Geräusch aus dem Wald. Die nackten Äste stehen still. „Also der Wind ist es nicht“, sage ich halblaut zu mir selbst. Meine Haare bleiben auf dem Arm liegen und die Gänsehaut bleibt fern, trotzdem finde ich das Geräusch etwas gruselig. Es klingt so, als würden Geister durch die Baumwipfel schweben. Mein Hund klebt mit seiner Hundenase hingegen an den Grashalmen fest. Mit dem Kopf im Nacken drehe ich mich von links nach rechts. Ein Stern leuchtet schwach, ansonsten sehe ich nichts. Also weiter.

Falsche Richtung, bitte umdrehen

Ein Blick auf die App, um die Richtung zu checken, in der das Nordlicht auftauchen könnte. Zwischen den Bäumen würde ich es nur bedingt sehen, deshalb weiter. Alex schlendert aber gemütlich und bleibt mit seiner Nase vertieft in der Welt, die mir als Mensch verborgen bleibt. Vermutlich weiß er längs von meinem Irrtum.

Endlich durchbricht die Wiese den Wald. Trotzdem bleibt der Himmel dunkel. „Mist!“ Ein erneuter Blick auf die App demonstriert mir meine Fehlbarkeit. Fälschlicherweise dachte ich, dass die grünen, roten und rosanen Farben am Himmel bei 0 Grad durch die Luft tanzen, dabei taucht das Display etwa bei 150 Grad Südost in ein Giftgrün. Ich drehe mich um und blicke direkt wieder auf nackte Bäume. „Verdammt! Alex wir müssen wieder zurück“, sage ich in die dunkle, kalte Nacht.

Was mir sonst noch in Schweden gefällt

In Schweden werden sowohl die Freizeit als auch soziale Teilhabe/Gerechtigkeit großgeschrieben.. Das zeigt sich in verschiedenen Punkten. So will das Land zum Beispiel, dass jeder, egal ob arm oder reich oder dazwischen, die Möglichkeit hat, in seiner Freizeit aktiv zu sein. Deshalb gibt es „Fritidsbanken“. In Ljungby befindet sich eine in der Bibliothek. Dort kann man kostenlos für zwei Wochen Sportausrüstung ausleihen, zum Beispiel Skier, Schlittschuhe, Inlineskates, Reitsachen und mehr.

Das Nordlicht zu sehen, ist zwar ein kleiner, aber langgehegter Wunsch. Es zeigt sich natürlich genauso mal in Deutschland, aber dort habe ich es bisher ebenfalls immer verpasst. Natürlich steigt die Chance, je weiter man in den Norden kommt. Und da wir jetzt in Schweden leben, wächst auch meine Chance. Aber die Entfernung zum Polarkreis mindert sich nur bedingt. In Schweden durchläuft er beispielsweise die Orte Jokkmokk und Gällivare. Jokkmokk ist laut Google Maps von unserem Wohnort in Ljungby kommun 1.451 Kilometer entfernt, sodass wir mit dem Auto rund 16,5 Stunden brauchen. Nach Gällivare sind es 1.545 Kilometer und die Fahrtzeit beträgt etwa 17 Stunden und 44 Minuten. Im Norden von Schweden kann der Schnee auch Meter hoch liegen und die Dunkelheit hält teils fast den ganzen Tag an. In Südschweden gleicht der Winter eher dem von Deutschland.

Schneeketten sind eher unnötig, aber…

Im Winter mit dem Hund am Polarkreis zu laufen, ist sicherlich ein Traum und das möchte ich auf jeden Fall erleben am liebsten mit Alex, aber diesen Winter sicherlich nicht. Ich bin noch zu erschöpft von den letzten Jahren sowie dem harten Umzug. Davon abgesehen beschränken die Puschen meines Autos selbst in Südschweden die Fahrt. Bevor wir nach Schweden kamen, habe ich natürlich recherchiert. Überall hieß es, dass man in Südschweden ohne Schneeketten auskomme, da auf den Straßen teils nicht genug Schnee liegen bleibe.

Was mir weniger in Schweden gefällt

Natürlich ist nicht alles gut in Schweden. Deshalb möchte ich auch das nennen, aber nur eine Sache. Schließlich nervt mich das an uns Deutschen am meisten, dass wir so viel meckern und das Negative sehen. Die Schweden machen das normalerweise nicht. Tanken geht oft nur mit Karte. Ich kenne viele, die das freut, aber ich bin ein Bargeldfreund. Damit bin ich in Schweden aber ziemlich allein. Hier wird eigentlich alles mit Karte bezahlt und eben die meisten Tankstellen.

Für mich ist das ein Dilemma. Nicht zuletzt seitdem ich einmal auf der Autobahn tankte und die Karte nicht funktionierte. Ich war gerade mal eine oder zwei Wochen in Mitteldeutschland, kannte noch niemanden und musste dann meinen damaligen Teamleiter beim MDR bitten, zu mir zu fahren. Das war wirklich unangenehm. In Schweden kann man jedoch gar nicht erst tanken, wenn die Karte nicht geht. Allerdings hatte ich es schon, dass die schwedische Tankstelle einen Betrag auf meiner Karte geblockt hat, ich konnte aber trotzdem nicht tanken. Erst nach zehn Tagen wurde der Betrag wieder freigeschaltet. Bevor mein Hund und ich nach Schweden kamen, wusste ich zwar bereits, dass hier eine Kartenzahl-Mentalität herrscht statt Bargeld. Trotzdem ist das für mich ein kleines Minus.

In einer Schwedengruppe las ich etwas von Spikes. Dabei handelt es sich um kleine Metallstifte oder teils auch Kunststoffstifte. Die kannte ich bisher nur für Schuhe, damit man nicht auf Eis ausrutscht, für Autos war mir das eher unbekannt. Vielleicht nicht verwunderlich, da sie in Deutschland verboten sind. Ich entdeckte nur diese eine Erwähnung, deshalb ging ich dem nicht weiter nach. Als dann der Schnee Anfang Januar endlich kam, musste ich dann aber feststellen, dass es in Südschweden anders sein kann als in Baden-Württemberg und Hessen. Nicht in Sachen Schneemenge, sondern in Sachen geräumte Straßen. Die Straßen hier im ländlichen Raum werden zwar von Schnee befreit, aber es wird nicht gestreut. Erst etwa einen Kilometer oder zwei vor der Stadt wird Salz auf der Fahrbahn verteilt. In der Stadt nur stellenweise.

Ich bin doch keine schneeerprobte Autofahrerin

Meine erste Fahrt zum Einkaufen war deshalb etwas abenteuerlich. Drei schneefreie Fahrspuren. Der Rest noch mit teils knöchelhohen Schnee bedeckt. So weit so gut, bis das erste Auto entgegenkommt: Denn das nimmt auch die Fahrrille in der Mitte, die aber nur für einen Autoreifen reicht. Vorsichtig und teils mit 30 km/h fahre ich weiter in die Fahrbahnmitte. Jedes Mal wackelt mein Auto leicht, wenn die Reifen in den höheren Schnee eindringen. Meine Handknöchel wechseln schon ins weiß, aufgrund der Kraft mit der ich das Lenkrad festhalte. Über das Lenkrad spüre ich ein leichtes Vibrieren in den Händen, das mir signalisiert: „Eine falsche Bewegung und das Auto dreht sich.“ Sobald das entgegenkommende Auto vorbei fährt, wieder vorsichtig auf die freie Spur. Dieses Spiel wiederholt sich mehrfach. Grauenhaft!

Derzeitige Lieblingsprodukte in/aus Schweden

Zum Thema Essen und Preise gibt es noch eine eigene Schwedenpost, deshalb nur ein paar Worte.

Nach dieser Fahrt wird es besser. Denn je mehr Autos die Landstraße nehmen, umso platter wird der Schnee, wobei sich auch viele Eisstellen bilden. Aber die schnee- und eisfreien Fahrspuren wachsen von Tag zu Tag. Als sich dann Tauwetter ankündigt, wird auch hier im ländlicheren Raum Split verteilt. Laut einem Nachbarn sind Spikes hier weitverbreitet. In Schweden sind sie aber nur zu bestimmten Zeiten erlaubt. Grundsätzlich sind sie zwischen 16. April und 30. September verboten. In manchen Städten herrscht sogar ein generelles Verbot, weil sie die Fahrbahnen beschädigen können. Winterreifenpflicht gilt in Schweden übrigens vom 1. Dezember bis 31. März.

Vielleicht klappt es beim nächsten Mal

Vielleicht gibt es dann nächsten Winter Spikes für mein Auto oder Schneeketten, damit wir zum Polarkreis fahren könnten. Trotzdem hoffe ich, dass ich das Nordlicht hier in Südschweden sehen werde. Deshalb verlängern Alex und ich unsere Abendrunde und gehen noch in die andere Richtung. Allerdings scheint der Himmel leicht bedeckt zu sein. Die Laute des Gespenstes entfernen sich auch immer mehr. Etwas enttäuscht drehen wir schließlich um. In Deutschland hatten viele mehr Glück, wie ich im Bett liegend sehe. Ich bekomme Norrsken aber sicherlich noch zu Gesicht: Die App gibt mir schließlich Bescheid, sobald die Möglichkeit besteht. Ich denke, dass ich das Nordlicht aber vielleicht gehört habe.

Hunderunde direkt vor unserer schwedischen Haustür

GEMAfreie Musik von audiocrowd

Schreibe einen Kommentar

Navigate
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner