Mein Hund, die Angst und ich

„Dieser Hund wird höchstwahrscheinlich nie angstfrei sein“, sagte der damalige Tierheimleiter der Arche Noah in Brinkum, als ich Alex entdeckte. Was er damit genau meinte, habe ich allerdings erst Jahre später begriffen. Dass Angst bei Hunden sehr herausfordernd sein kann, merkte ich hingegen ziemlich schnell.

Als wäre es gestern gewesen: Ich laufe durch das Tierheim. Eigentlich hatte ich auf der Webseite einen bestimmten Hund entdeckt, der mir gefiel. Da ich ein anderes Mal zu spät kam, weil der Hund bereits Interessenten hatte, als ich mich nach ihm erkundigte, fuhr ich dieses Mal direkt los. Beim Ankommen nehme ich mir vor, alle Hunde anzuschauen. Also schlendere ich von Zwinger zu Zwinger. Bei einem der Ersten bleib ich länger stehen. Mehrere Hunde kommen direkt an den Zaun. Versuchen, ihre Schnauze zwischen den Gitterstäben durchzustecken. Schwanzwedeln. Manche quieken aufgeregt und vielleicht freudig. Was für ein Gewusel! Ich brauche einen Moment, bis ich alle Hunde betrachtet habe.

Bernsteinfarbene Augen erobern sofort mein Herz

Hinten aus der Tür kommen weitere Hunde. Sie zögern. Manche verschwinden gleich wieder im Gebäude. Einer kommt langsam und unsicher, aber neugierig näher. Er bleibt jedoch auf Abstand. Da passiert es. Ich schaue direkt in seine bernsteinfarbenen Augen. Sie durchdringen mich. Ich nehme die Magie des Moments wahr, aber noch nicht ganz bewusst. Erst mit jedem folgenden Moment, Tag, jeder Woche und jedem Monat begreife ich: Ich habe den für mich perfekten Hund gefunden.

„Ich muss Dich aber vorwarnen:
Dieser Hund hat noch nichts
kennengelernt.“

Sagte der Tierheimleiter zu mir.

Alex hat mich also sofort begeistert. Allerdings möchte ich noch die anderen Hunde anschauen und natürlich den, wegen dem ich überhaupt hergekommen bin. Als ich seinen Zwinger erreiche, bin ich etwas enttäuscht. Ein freundlicher, großer, schwarzer Hund kommt ans Gitter. Mit Sicherheit ein toller Hund, aber es springt kein Funke über. Die Fotos im Internet hatten mir ein ganz anderes Gefühl vermittelt.

Das ist nicht der Hund, den ich will

Ich gehe zurück zum Eingang des Tierheims. Dort befindet sich gerade der Tierheimleiter. Ich erzähle ihm, dass ich mich für zwei Hunde interessiere. Der Tierheimleiter sagt, dass der große schwarze Hund schon einen Interessenten hat. Den anderen muss ich ihm zeigen, weil in dem Zwinger ja mehrere Hunde leben. Ich erfahre, dass er den Namen Alex bekommen hat. Ich könnte ihn aber umbenennen, weil er daran noch nicht gewöhnt sei. Schließlich kam er erst vor drei Wochen in das Tierheim Arche Noah. Er kommt aus Rumänien. Aus einer Tötungsstation, um genau zu sein. Sie schätzen ihn auf ein halbes Jahr und er kennt absolut nichts.

Ich will widersprechen. Denn ich suche etwas völlig anderes. Einen Hund, der mindestens zwei Jahre alt ist und der nicht aus dem Ausland kommt. Allerdings bringe ich kein Wort heraus. Der Tierheimleiter redet sinngemäß weiter: „Wir holen Dir den aus dem Zwinger und bringen ihn in einen der Ausläufe. Dort kannst Du ihn etwas kennenlernen.“ Ich will erst widersprechen. Denke dann aber, okay, mal schauen: Nur weil wir in den Auslauf gehen, muss ich den Hund ja nicht nehmen.

Kurz darauf finde ich mich auf der grünen, eingezäunten Wiese wieder. Der Tierheimleiter und ein Mitarbeiter bringen Alex an einer zehn Meter langen Schleppleine. Dass sie ihn einkesseln mussten, um ihn aus dem Zwinger zu tragen, erfahre ich erst jetzt. Das lag natürlich nicht daran, dass die Tierheimmitarbeiter so grob oder Ähnliches sind, sondern daran, dass Alex niemanden an sich heranlässt – aus Angst.

Mein Inneres weiß längst: Der Hund ist es!

Der Tierheimleiter arbeitet zusätzlich als Hundetrainer, deshalb zeigt er mir ein paar Dinge, die ich ausprobieren kann, um mit Alex in Kontakt zu treten. Als wir alleine sind, versuche ich es. Auch Leckerlis fliegen, aber das nützt alles nichts. Alex hält die zehn Meter lange Schleppleine weiter auf Spannung und nähert sich keinen Zentimeter. Er will sich viel lieber noch mehr verkriechen. Also gebe ich auf.

Ich hocke mich hin. Schaue zwischendurch zu Alex, der sich weiterhin nicht regt. Ich will ihn nicht bedrängen, deshalb schaue ich mich in dem Auslauf um, lasse meine Gedanken kreisen und frage mich zwischendurch, wie lange ich hier sitzen will. Nach einer Weile überlege ich gerade, ob ich aufgeben soll. Da sehe ich, wie Alex in meine Richtung kommt. Mein Körper bleibt etwas in die andere Richtung gedreht. Nur zwischendurch werfe ich einen Blick in seine Richtung. Schwupps setzt er sich maximal einen Meter von mir entfernt. Spätestens in dem Moment wird mir in meinem Inneren klar: Wir bekommen das hin. Aber auch das erreicht noch nicht ganz mein Bewusstsein. Ich fange an zu wackeln, weil ich den Halt verliere. Alex springt abrupt auf und sprintet davon. So weit, wie die Schleppleine reicht. Für heute ist das genug. Also lasse ich die Hundeleine los und gehe zum Tierheimleiter.

Angst bei Hunden: Der Futternapf bleibt voll

Die nächsten zwei Wochen verbringe ich jeden Tag im Tierheim. Die erste Zeit nur im Auslauf. Dann wagen wir unsere ersten Schritte über das Gelände des Tierheims. Spazierengehen kennt Alex nicht. So sind fünf Meter für ihn wie für andere Hunde fünf Kilometer oder mehr. Schritt für Schritt, Tag für Tag machen wir kleine Fortschritte. Ich darf sogar immer noch länger bleiben, selbst wenn das Tierheim die Türen für Besucher sowie Gassigeher schließt. Denn aus Angst traut sich Alex nicht zu fressen. Seine Kumpanen haben keine Scheu. Somit bedienen sie sich an seinem Futter.

„Oh, der hat bestimmt ganz schlimme Erfahrungen
gemacht“, bekomme ich oft zu hören, wenn Alex sich
vor Fremden versteckt oder wegrennen will. Natürlich
ist das möglich, denn traumatische Erfahrungen oder
Misshandlungen können die Ursache von Angst bei
Hunden sein, aber es gibt noch mehr und in Alex‘ Fall
reichen die Gründe noch viel tiefer.

Auszug aus der Sonderausgabe von Hund im Gepäck – das Magazin: „Angst bei Hunden: verstehen, erkennen, begegnen“

Alex‘ Rippen treten deutlich hervor. Es muss also zunehmen, anstatt noch mehr abzunehmen. Deshalb soll er separat gefüttert werden, aber die Mitarbeiter haben keine Zeit, das zu betreuen. Wenn Alex einfach alleine irgendwo vor seinem Futternapf sitzt, frisst er nicht. Also sitzen wir zusammen davor. Anfassen kann ich ihn noch nicht, aber er traut sich etwas näher an mich heran. Außerdem nimmt er zwischendurch ein paar Happen, wenn ich ihm gut zurede, während ich ihm das Futter vor die Schnauze halte. So verbringen wir jeden Tag extra Zeit zusammen, bis die Futterschüssel leer ist.

Ein Angsthund aus der Tötungsstation

Der Tierheimleiter kennt sich vor allem mit Straßenhunden sehr gut aus. Nicht nur aufgrund seiner Arbeit im Tierheim, sondern weil er unter anderem mit Günther Bloch die Pizzahunde in Italien erforscht hat. „Dieser Hund hat so viel Angst, dass ich stark davon ausgehe, dass er nicht auf der Straße gelebt hat, sondern in der Tötung geboren wurde. Höchstwahrscheinlich hatte die Mutter ebenfalls Angst und/oder erlebte starken Stress“, erzählt er mir sinngemäß irgendwann. Das macht Alex Angst speziell. Darauf bezieht sich auch das Zitat am Anfang dieses Artikels.

Angst ist etwas vollkommen Normales. Jeder Mensch verspürt sie genauso wie jedes Tier, sofern keine Einschränkungen durch Fehlfunktionen oder Erkrankungen vorliegen. Die einen stärker und/oder öfter, die anderen weniger ausgeprägt und/oder seltener. Angst dient dem Überleben. Sie hat aber viele Gesichter und viele Ursachen. Dazu gehören genetische (Veranlagung und Vererbung), epigenetische, traumatische Erfahrungen, gesundheitliche Beschwerden, Lernerfahrung und mangelnde Sozialisierung. Zu den einzelnen Ursachen gehe ich in der Sonderausgabe meines Magazins „Angst bei Hunden: verstehen, erkennen, begegnen“ etwas genauer ein. Genauso widme ich mich anderen grundlegenden Dingen zum Thema Angst bei Hunden. In der Spezialausgabe berichte ich außerdem von einigen unserer Erlebnisse und Fehler, die ich im Umgang mit meinem ängstlichen Hund gemacht habe. An dieser Stelle möchte ich deshalb nur kurz erwähnen, dass bei Alex mehrere Ursachen zum Tragen kommen. Schon allein durch die mangelnde Sozialisierung sitzt seine Angst sehr tief und lässt sich nicht eben einfach wegtrainieren.

Ein Schritt vor, mehrere zurück

Obwohl ich vieles ausprobiere und mein Bestes gebe. Wir machen einen Schritt nach vorne, dann wieder zwei bis drei Schritte zurück. Es reichen vermeintliche Kleinigkeiten aus, damit Alex wieder fliehen will. So reagiert Alex anfangs bei Angst. Zum Beispiel legte sich seine enorme Angst vor Fahrrädern etwas. Zumindest so, dass er bei dem Anblick nicht wie ein Wilder in die Leine sprang und wegrennen wollte. Ein riesiger Erfolg und auch eine große Erleichterung, weil wir anfangs in Bremen wohnen. Die Hansestadt ist eine absolute Fahrradstadt. Dadurch können wir die Drahtesel einfach nicht meiden. Blöderweise keinen einzigen Tag. Deshalb bin ich erleichtert, als sich Alex‘ Angst davor etwas legt. Doch dann kippt direkt hinter uns ein Fahrrad um. Nun erlebt er sie wieder als Monster – sogar als noch schlimmere als vorher. Ähnliches erleben wir mit anderen Dingen sowie Situationen, die meinem Hund Angst machen.

Angst bei Hunden: verstehen, erkennen, begegnen

Angst bei Hunden hat viele Gesichter. Oft wird sie gar nicht erkannt – selbst beim eigenen Hund kann es zu Fehlinterpretationen kommen. In der Spezialausgabe von „Hund im Gepäck – das Magazin“ fließen zum einen jede Menge eigene Erfahrungen und Erlebnisse mit ein, die Alex und ich aufgrund seiner extremen Angst gesammelt haben. Zum anderen basieren die Texte auf gründlicher Recherche: Dafür habe ich zahlreiche Artikel, Internetseiten, Podcasts und Bücher durchgearbeitet. Daraus ist ein Magazin mit über 20 Seiten entstanden, in dem Du unter anderem die Unterschiede zwischen Angst, Furcht und Phobie kennenlernst, erfährst, was Angst beim Hund verursacht und wie Du sie erkennen kannst. Es ist KEIN Ratgeber, um einem Hund die Angst zu nehmen oder zu lindern. Denn jeder Hund, jeder Mensch und jedes Hund-Mensch-Team ist anders. Deshalb bedarf es eines individuellen Trainings. Aber die Sonderausgabe hilft dabei, Angst bei Hunden zu verstehen, zu erkennen und zu begegnen.

Oft werde ich gefragt, wovor mein Hund Angst hat. Meine Standardantwort lautet: „Frag lieber, wovor er keine Angst hat!“ Die Frage lässt sich nämlich leichter beantworten. Das Einzige, wovor Alex keine Angst hatte, waren Pferde. Glücklicherweise. Denn ich reite und so kann Alex mich von Anfang an zum Reitstall begleiten.

Die Angst meines Hundes überfordert mich

Ehrlich gesagt, die ersten Jahre habe ich viel geweint. Des Öfteren habe ich mich gefragt, ob ich ihn wieder abgeben soll. Dieses ständige Vor und Zurück. Jeder Rückschritt warf uns um Längen zurück. Dort blieben wir dann immer eine Weile stehen, trotz Trainings und großer Mühen. Wir erlebten auch manches extra Pech. Das überforderte mich und ließ mich manches Mal verzweifeln. Wie erwähnt machte ich zusätzlich einige Fehler, obwohl ich alles zum Thema Angst bei Hunden verschlang, was ich finden konnte. Besuchte Seminare, arbeitete die Kursunterlagen zur Hundetrainerausbildung von einer Freundin durch und suchte mir Unterstützung von Hundetrainern.

Das half natürlich etwas, aber das Leben lässt sich davon nicht beeindrucken. Manches passiert einfach. Außerdem reicht Wissen allein nicht aus. Man muss es auch richtig anwenden. Davon abgesehen ist jeder Hund anders, genauso wie jeder Mensch. Einer der größten Fehler war rückblickend, dass ich mich zu lange vergessen habe. Ich habe nur an Alex „herumgedoktert“. Meinen Fokus komplett auf ihn gelegt, anstatt bei mir zu bleiben. Meine Gelassenheit und Ruhe zu bewahren. Dass das enorm wichtig ist, kapierte ich erst Stück für Stück.

Die eigenen Ängste rücken in den Vordergrund

Irgendwann erkannte ich dann, dass auch ich ein Thema mit Angst habe. Als Kind war ich scheinbar ziemlich cool, wie eine meiner Tanten einmal zu mir sagte. Ich hatte früher Angst im Dunkeln. Es musste immer ein Licht in meinem Kinderzimmer anbleiben und die Tür einen Spalt offen, sonst konnte ich nicht ruhig im Bett liegen, geschweige denn schlafen. Das war aber so ziemlich das Einzige. Ich kletterte auf das Dach unseres Hauses, sprang, kaum dass ich schwimmen konnte, ohne Schwimmabzeichen von Sprungbrettern, behauptete mich mutig Gleichaltrigen, älteren Kindern/Jugendlichen sowie Erwachsenen gegenüber und habe schon in ganz jungen Jahren Horrorfilme geschaut. Meine Mutter meinte immer: „Solange Du schlafen kannst, kannst Du Dir alles anschauen.“ Natürlich aus pädagogischer Sicht nicht gerade sinnvoll. Mich hat es damals gefreut. Kaum in der Schule, da schaute ich schon Filme wie „Friedhof der Kuscheltiere“, „Es“ und „Die Hand an der Wiege“.

Meine Angst wuchs erst später – je älter ich wurde. In der Pubertät erwachte und verstärkte sie sich durch den regelmäßigen Konsum von Cannabis. Dadurch erlebte ich einige schreckliche Momente. Der Schlimmste war, als ich eines Abends bekifft im Bett lag und wahre Todesangst durchlebte. Woher sie stammte, erfuhr ich erst viele Jahre später. Sie hatte mit Erlebnissen direkt nach meiner Geburt zu tun. Aber das führt jetzt zu weit. Besonders schlimm wurde meine Angst vor der Angst. Und meine Verlustangst.

Immer wieder erlebe ich schmerzhafte Verluste

Plötzliche Verluste erlebte ich von klein auf. Einer hat mich gebrochen. Allerdings habe ich das erst in den letzten zwei Jahren erkannt. Mittlerweile gibt es Studien, die zeigen, was ich leider schon lange weiß: Der Verlust eines Tieres kann schwerer wiegen als der Verlust eines Menschen. Ich war elf, als ich 1994 plötzlich meine Mama verlor. Das war schrecklich, keine Frage. Keiner in meinem Umfeld konnte damit und mit Trauer, Verlust sowie Gefühlen im Allgemeinen gut umgehen. Dadurch konnte mir keiner richtig helfen. Also verdrängte ich, bis das regelmäßige Kiffen diese schmerzhaften Gefühle ungewollt hervorholte. (Ein Tipp: Meine Podcastfolge „Trauer braucht Raum – auch die um Tiere“. In dem Interview macht Sonja Störmer von „Trauer um mein Tier“ Mut und gibt Tipps für den Alltag sowie das Umfeld. Sie erklärt auch, wie wir lernen können, Trauer nicht wegzuschieben, sondern ihr einen würdevollen Platz zu geben.)

Angstreaktionen beim Hund

Menschen und Tiere können bei Angst verschiedene Reaktionen zeigen. Dazu gehören:

Flight: Flucht war anfangs Alex einzige Angstreaktion. Nur schnell und möglichst weit weg von dem angstauslösenden Reiz, Ort oder Situation. Darauf setzen viele Wildtiere, wie Rehe und Hasen. In den ersten Jahren wurde Alex mehrmals von großen Hunden attackiert und einmal sogar von einem ganzen Rudel gehetzt. Anfangs rannte er weg, aber irgendwann schlug sein Verhalten um. Also fight statt flight.

Fight: Die Angst sorgt in diesem Fall dafür, dass der Hund nach vorne geht und attackiert. Darauf greift Alex beispielsweise bei Hundebegegnungen zurück. In anderen Situationen bellt er erst einmal nur und bleibt auf Abstand. Durch das Bellen will er die Distanz vergrößern und das Ungeheuer fernhalten. Es gibt einige ängstliche Hunde, die so reagieren. Nicht selten verfallen sie aber irgendwann in den Angriffsmodus.

Freeze: Manche Hunde oder auch Menschen verfallen in eine Starre und können sich gar nicht mehr bewegen. Sie frieren also ein. Das zeigt Alex beispielsweise beim Tierarzt. Mit jedem Besuch lockert sich die Starre, aber bei fremden Tierärzten geht es von vorne los. Als er einmal in der Tierklinik geröntgt werden musste, war und blieb er so stocksteif, dass die Mitarbeiter für die Röntgenaufnahmen auf eine medikamentöse Ruhigstellung verzichteten.

Fiddle about: Das bezeichnet ein Herumalbern, das häufig mit Spielen verwechselt wird. Es sieht so aus, als würde der Hund Spielaufforderungen machen, indem er sich auf die Vorderbeine wirft, mit der Rute wedelt und Geräusche von sich gibt. Jedoch will der Hund nicht spielen, sondern hat Angst oder is unsicher und weiß sich nicht anders zu helfen, um aus der Situation zu kommen oder die Erregung loszuwerden. Nicht alle „Hundeexperten“ zählen „Fiddle about“ zu den typischen Angstreaktionen. Alex zeigt diese Übersprungshandlung typischerweise in Konfliktsituationen, wenn er sich hin und her gerissen fühlt. Also einerseits fühlt er sich nicht sicher, andererseits möchte er zu dem Reiz. Erst kürzlich warf er sich deshalb einem Pony zu den Hufen.

Auszug aus der Sonderausgabe von Hund im Gepäck – das Magazin: „Angst bei Hunden: verstehen, erkennen, begegnen“

Bis dahin hatte ich viele andere Verluste durchgemacht. Tiere, Zuhause, Heimatorte, Freunde, später Großeltern, Bekannte et cetera. Mein Papa verstarb 2018 – ebenfalls plötzlich. Das war ebenfalls hart. Dennoch ist nach wie vor der schlimmste Verlust meines Lebens der meines Pferdes. 2004 musste ich es völlig unerwartet einschläfern. Das hat mich gebrochen. Nicht zuletzt, weil ich mich bei niemandem so geborgen sowie sicher gefühlt habe. Zusätzlich half es mir, den Tod meiner Mama zu verarbeiten.

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine Panikattacke. Ich verdrängte wieder. Rund acht Jahre später gab mir der Tod meines Hundes Struppi den Rest. Doch beides kam erst hoch, als mein Papa starb. Ich habe schon öfter gehört, dass bei jedem neuen Verlust die Alten mitschwingen können. 2018 brachen sie geballt über mich herein. Verdrängen ging nicht mehr. Stattdessen ein Jahr voller Leid, Schwere, Leere und Dunkelheit. Aber ich stellte mich immer wieder meinen Ängsten, besonders der Verlustangst. Nicht zuletzt dank meines Hundes Alex.

Endlich besser: meine Angst und die Angst meines Hundes

Mit der Zeit wurde es besser und besser – sowohl meine Angst als auch die von Alex. Verschiedene Ereignisse der letzten Jahre schürten meine Ängste aber wieder. Das passiert. Gerade die Verlustangst kommt schnell wieder, zwar anders, aber sie ploppt manchmal wieder auf. Meist schwächer und seitdem mein Hund und ich in Schweden sind, teilweise in ganz neuem Gewand. Man kann manche Ängste dauerhaft lösen, aber manche bleiben Teil von einem. Das gilt sowohl für uns Menschen als auch für Hunde.

Natürlich kann es deutlich leichter werden, wenn man hinschaut, hineinfühlt und Möglichkeiten findet, damit umzugehen. Mir persönlich hilft das Klopfen sehr. Nicht immer und nicht bei allen Ängsten. Schließlich handelt es sich dabei um kein Wundermittel oder Allheilmittel. Es hat auch nichts mit Esoterik zu tun. Außerdem nützt es nicht jedem etwas, mir aber oft schon. (Mehr zum Thema erfährst Du in der Spezialausgabe von Hund im Gepäck – das Magazin: „Probleme bei Mensch und Tier einfach wegklopfen?“)

Wenn Alex auf Kinder trifft, spannt sich sein
ganzer Körper an. Nervös scannt er die Umgebung
ab und sucht Fluchtwege. Oft versucht er zu fliehen,
indem er mit Vollkaracho in die Leine springt. Unter
anderem im Hundeverein haben wir daran gearbeitet,
indem ganz kurz zusammengefasst Kinder ihm
großartige Leckereien gegeben haben. Erst aus der
Distanz hinter einem Zaun und stufenweise bis zu
dem Punkt, dass Alex freiwillig und ohne Angst aus
der Hand fraß. Die Kinder waren dann in Ordnung.
Ähnlich lief es mit meiner Nichte ab, als sie noch
jünger war. Von ihr ließ sich Alex sogar irgendwann
streicheln. Also bestimmte Kinder kann man ihm mit
Leckereien ohne Druck und in Alex‘ Tempo
näherbringen, aber er überträgt das Positive nicht auf
andere.

Auszug aus der Sonderausgabe von Hund im Gepäck – das Magazin: „Angst bei Hunden: verstehen, erkennen, begegnen“

Alex entwickelte sich bereits vor ein paar Jahren zu einer coolen Socke, zumindest im Vergleich zu früher. Er springt nicht mehr vor Angst in die Leine. Selbst als wir mehrere Tage in Bremen verbrachten. Vor unserer Abreise nach Schweden besuchten wir noch meinen Bruder. Der wohnt in der gleichen Hauptstraße, in der ich einst mit Alex wohnte. Straßenbahnen, Autos, Fußgänger, Kinderwagen und viele Fahrräder. Selbst im Dezember. Alex‘ Rute blieb zwar unten, aber sie verkroch sich nicht zwischen seine Hundebeine. Statt wegzurennen, blieb er viel stehen und schaute sich einfach alles an.

Vom Angsthund zu mehr Gelassenheit

Auch Fremden gegenüber zeigt er sich aufgeschlossener. Früher hielt er immer einen Sicherheitsabstand ein. Jetzt geht er meist hin und beschnuppert sie. Natürlich gibt es immer noch Menschen, die ihm nicht geheuer sind. Aber er bellt sie lediglich an und will nicht mehr wegrennen. Bei Fahrrädern verhält es sich ähnlich. Die empfindet er immer noch als Monster, aber selbst da springt er nicht mehr vor Angst in die Leine. Wenn er die Person kennt und mag, die auf dem Drahtesel sitzt, traut er sich sogar vorsichtig heran und schnuppert an dem Fahrrad.

Bei einer Bekannten habe ich mitbekommen, dass ihre Hündin mit dem Alter ängstlicher wird. Früher war sie eine coole Socke, jetzt nicht mehr. Bei Alex verhält es sich glücklicherweise andersherum. Ich bin immer wieder verblüfft darüber. Gleichzeitig auch sehr dankbar dafür. Manchmal vergesse ich, wie schwer es war und wie viel wir dafür getan haben, die Angst zu lindern. Am schönsten empfinde ich gleich mehrere Dinge.

Erst „Anfassen verboten“, dann „Kraul mich“

Alex entwickelte sich zu einer richtigen Schmusebacke. Anfangs konnte ihn niemand anfassen. Ich war die allererste Person, die das durfte. Es vergingen Monate, wenn nicht sogar Jahre, bis er das Streicheln richtig genießen konnte. Noch heute lässt er sich das aber nur von ausgewählten Personen gefallen. Mein Herz erwärmt sich außerdem, wenn ich ihm beim Schlafen zuschaue. Aus Angst konnte er die ersten Jahre kein Auge zubekommen. Vor Müdigkeit fielen seine bernsteinfarbenen Hundeaugen einfach zu, aber innerhalb weniger Sekunden schossen sie wieder auf – aus Angst. Seit einigen Jahren schläft er wie ein Weltmeister. Genauso freue ich mich darüber, dass er bei unseren Hunderunden und Wanderungen ausgiebig schnüffelt – selbst an neuen Orten. Auch das hat lange gedauert. Das sind meine persönlichen Top drei, aber natürlich gibt es noch viel mehr.

Ich könnte vermutlich mehrere Bücher füllen mit all den Erlebnissen, Herausforderungen et cetera, die unsere Ängste betreffen. Aber für diesen Artikel reicht es. Wir werden beide natürlich nie angstfrei sein. Das müssen wir aber auch nicht. Davon abgesehen ist das vermutlich niemand.


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