Eine kleine Abenteuerrunde irgendwo im Småland

„Noch ein kleines Stück weiter“, animiere ich meinen Hund Alex. Die angenehme Abendluft streichelt über meine Wangen. Die Temperaturen sind tagsüber wieder unter 30 Grad gesunken. Somit können wir eigentlich endlich unsere temporäre Heimat im südschwedischen Bezirk Jönköping erkunden. Nur Herr Hund scheint keine Lust zu haben.

In dem Artikel „GassiStehen statt GassiGehen“ erzähle ich, wie sich unsere Hunderunden verändert haben. Trotzdem wandern mein Hund und ich zwischendurch, wenn auch nur noch kleinere Runden. Aber die müssen hin und wieder sein. Die Ausbildung zur Tierphysiotherapeutin (Hund und Pferd) habe ich zwar nicht abgeschlossen, aber dafür die Theorie fleißig gelernt, die Lernkontrollen gemacht und bestanden, regelmäßig an dem wöchentlichen virtuellen Klassenzimmer teilgenommen und drei von sechs Praxiswochen absolviert – zumindest für die Hundephysiotherapie. Dadurch habe ich einiges gelernt.

Nicht zuletzt, dass die Gelenke ruhige, gleichmäßige Bewegung brauchen, damit sich die Gelenkschmiere verteilt und die Knorpel mit Nährstoffen versorgt werden. Bei Arthrose bauen sich die Knorpel zwar langsam ab, aber sie müssen ebenfalls noch versorgt werden, damit sie unter anderem so beweglich wie möglich bleiben. Deshalb überrede ich Alex hin und wieder. Manchmal gebe ich auf, wenn ich merke, dass er wirklich nicht kann oder will. Aber den Eindruck habe ich dieses Mal bisher nicht.

Mein Hund sucht den Weg aus

„Noch bis zur Ecke und dann schauen wir weiter“, sage ich zu ihm. Langsam hebt er die linke Vorderpfote und die linke Hinterpfote. Nachdem er beide absetzt, heben sich die Pfoten der anderen Seite. Langsam, aber kontinuierlich. Seine Augen strahlen leider nicht. Vielmehr wirken sie etwas genervt. Aber wie gesagt, bis zur Ecke muss sein. Dann schauen wir weiter. Als hätte ich es geahnt, blüht er dort schließlich auf.

„Du darfst entscheiden: rechts oder links?“, frage ich ihn. Mein Hund biegt rechts ab. Die Kieselsteine knirschen unter meinen Schuhen. Alex läuft nun vor mir, zwar nach wie vor gemütlich, aber er geht nicht mehr im Schneckentempo. Etwa zehn Meter legen wir zurück. Dann bleibt Herr Hund wieder stehen. Ich seufze. Schließlich hatte ich mich schon gefreut, dass wir noch etwas weiter in den schwedischen Wald eintauchen. „Müssen wir etwa schon wieder umdrehen?“, frage ich Alex. Er schaut mich an. Umdrehen scheint er nicht zu wollen. Was dann?

Seine dichte, hellgraue Huskyunterwolle eignet sich besser für Kälte. Im Winter stellt sie nämlich eine gute Isolierschicht dar. Im Sommer schützt sie ihn zwar vor direkter Sonneneinstrahlung, erschwert aber teilweise die Wärmeabgabe.

Mein Hund schaut an meinen Beinen vorbei über den Wegesrand hinaus. Ich folge seinem Blick. Dort führt ein Waldweg entlang. Große Rillen durchziehen den braunen Boden. Ein Traktor oder eine andere größere Maschine hat seine Spuren hinterlassen. „Möchtest Du da entlang?“, frage ich Alex. Mir ist klar, dass mein Hund keine Antwort gibt – zumindest keine gesprochene. Trotzdem rede ich öfter mit ihm. Lass es mir aber dann möglichst von ihm zeigen, was Herr Hund möchte.

In Schweden denke ich oft an Kreuzottern

Ich verlasse den Schotterweg und begebe mich auf den unebenen Boden. Alex trabt an mir vorbei. Nun strahlen seine bernsteinfarbenen Augen doch noch. Hinter den Gebüschen sehe ich den Verlauf des Waldweges. Ich bin etwas unschlüssig. Es scheint kein klassischer Waldweg zu sein, sondern er entstand vielmehr nur durch das Fahrzeug. Äste bedecken teils den gesamten Waldboden. Kreuz und quer wie bei dem Spiel Mikado. Große bemooste Steine liegen am Rand. In kleinen und größeren Wellen führt der Weg bergauf. „Ob Alex das schafft?“, frage ich mich dieses Mal selbst.

Die letzten Wochen haben wir uns nicht so viel bewegt. Wir hatten zwar Glück in Schweden und nur wenige Tage über 30 Grad Celsius, aber längere Zeit zwischen 20 und 26 Grad. Das ist schon zu warm für Alex. Seine dichte, hellgraue Huskyunterwolle eignet sich besser für Kälte. Im Winter stellt sie nämlich eine gute Isolierschicht dar. Im Sommer schützt sie ihn zwar vor direkter Sonneneinstrahlung, erschwert aber teilweise die Wärmeabgabe. Dadurch kann er schneller überhitzen, was seine Gesundheit gefährdet. Alex gehört außerdem zu den älteren Hunden mit Hüft- und Rückenproblemen sowie Arthrose. Das entscheidet ebenfalls über die Dauer und die Streckenlänge unserer Hunderunden und Wanderungen. Je nach Tagesform kann und will Alex eben mal mehr Bewegung und manchmal eben weniger.

Jetzt scheint er mehr zu wollen und zu können. Also begeben wir uns auf den unebenen Weg. „Bleib bitte hinter mir“, fordere ich ihn auf, indem ich meine Hand in einem leichten Bogen hinter mich führe. Unser Zeichen für Hinter. Die vielen Äste versperren die Sicht. Wenn wir in der schwedischen Natur unterwegs sind, begleiten mich meist Gedanken an Kreuzottern. Nicht durchgehend, aber sie tauchen regelmäßig auf. In Deutschland leben zwar auch welche, aber da habe ich diese Gedanken seltener. In Schleswig-Holstein gibt es zum Beispiel in der Flusslandschaft der Oberen Treene ein ausgewiesenes Schutzgebiet für Kreuzottern. Davon hatte ich in dem Artikel „Diese eine Liebe…“ berichtet. Auch in unserer vorherigen Heimat in Hessen und im angrenzenden Thüringer Wald leben stellenweise Kreuzottern. Gesehen habe ich bisher noch keine.

Ein Biss mit oder ohne Gift?

Ich finde Schlangen interessant und auf eine gewisse Art schön. Gerne würde ich einmal eine Kreuzotter sehen, aber nur mit Sicherheitsabstand. Schließlich handelt es sich dabei um Giftschlangen. Lebensgefährlich sind sie jedoch in den meisten Fällen nicht – zumindest für gesunde Erwachsene. Für Kleinkinder, ältere und kranke Menschen ist das Risiko natürlich höher oder eben für Tiere. Allergische Reaktionen sind ebenfalls möglich. Deshalb wird empfohlen, sich nach einem Biss sofort in ärztliche Betreuung zu begeben. Denn wenn man allergisch reagiert, kann es sehr schnell lebensgefährlich werden.


„Hund im Gepäck – das Magazin“ ist für Hundefreunde, die statt Tippsammlungen Geschichten aus dem echten Leben suchen – Geschichten, die berühren, Freude machen und dazu einladen, uns zu begleiten.

In der Hauptausgabe erwarten dich persönliche Reportagen, ehrliche Einblicke in den Hundealltag, besondere Herzensprojekte und Geschichten, die Lust machen, gemeinsam mit dem Hund die Welt zu erleben. Außerdem gibt es Sonderausgaben (ebenfalls mit persönlichen Erfahrungen), die ausgewählte Themen vertiefen und neue Perspektiven eröffnen.


Ob ein Biss einer Kreuzotter gefährlich ist oder nicht, hängt von weiteren Faktoren ab: Zum Beispiel davon, wie viel Gift die Kreuzotter beim Biss abgibt. Das kann sogar gar nichts sein. Schließlich ist die Giftproduktion für die Schlangen sehr aufwendig und sie benötigen es, um ihre Beute zu erlegen. Deshalb gehen sie sparsam damit um. Allerdings verrät eine Kreuzotter nicht, ob und wenn, wie viel Gift sie abgegeben hat. Für einen Hund und gerade einen älteren wie Alex kann selbst ein bisschen schon zu viel sein. Es gibt zwar ein Gegengift für Hunde, aber erstens steht es nicht in jeder Tierarztpraxis im Schrank und zweitens herrschen über dessen Nutzen unterschiedliche Meinungen unter Tierärzten.

Also passe ich lieber einmal zu viel auf als zu wenig. Das heißt, Alex darf seine schwarze Hundenase nicht in Steinhaufen oder Höhlen stecken. Zu dicht bewachsene Wegesränder sind ebenfalls tabu. Dass ich hier in Südschweden öfter darüber nachdenke oder vorsichtiger bin, liegt sicherlich mit daran, dass ich öfter davon gehört habe und Fotos gesehen habe, dass jemand in Südschweden auf Kreuzottern trifft oder sie gar im Garten hat. Sicherlich teils übertriebene Panikmache im Internet. Trotzdem sitzt das in meinem Kopf fest.

Kann und will mein Hund weiter wandern?

Bei diesem Waldweg kann ich aber einfach zu wenig sehen. Deshalb überlege ich kurz, ob wir lieber umdrehen sollen. Ich schaue auf Alex. Seine Augen funkeln nach wie vor und an seiner Körperhaltung erkenne ich ganz klar, dass er weiter will. Am liebsten sogar an mir vorbei, weil ich zu langsam bin. Mit seinen vier Pfoten überquert er die Äste, Steine und kleinen Höhenunterschiede natürlich um einiges müheloser und schneller.

Also weiter geht es. Zwischendurch bleibe ich stehen. Aus dem Erdboden ragt manch Stein und ich muss schauen, wie ich stabil bergauf komme. Außerdem schaue ich zwischendurch in den Wald. Der Farn und das Moos leuchten hellgrün. Dazwischen ragen viele dünne, braune Baumstämme in den blauen Himmel. Erst gegen Ende teilen sie sich in Äste, die mit dunkelgrünen Nadeln bestickt sind. Alex überholt. Leichtpfotig springt er auf den nächsten Abschnitt. Er stoppt nur, weil die Hundeleine endet. Er schaut etwas genervt auf mich. Er will weiter, und zwar schneller. Das freut mich sehr. Denn diesen Abenteuerwillen hat er in den letzten Wochen nicht gezeigt. Ich muss jedoch aufpassen, dass ich nicht umknicke. Langsam, aber sicher folge ich ihm. Meinen Blick senke ich immer wieder auf den Boden, um nicht über eine Hürde zu stolpern.

Ich liebe solche kleinen Abenteuer mit Hund. Ich brauche keine Sehenswürdigkeiten, keine spektakulären Wasserfälle, grandiose Aussichten oder dergleichen.

Wäre der Traktor oder was auch immer hier nicht entlanggefahren, wäre das Durchkommen sicherlich noch schwieriger. Die Spurrillen der Reifen erschweren aber zugleich etwas das Vorwärtskommen. Denn sie machen den Weg noch unebener. Trotzdem macht es Spaß. Ich liebe solche kleinen Abenteuer mit Hund. Ich brauche keine Sehenswürdigkeiten, keine spektakulären Wasserfälle, grandiose Aussichten oder dergleichen. Natürlich gefällt mir das auch, aber ich freue mich einfach, wenn mein Hund Alex und ich gemeinsam unterwegs sind. Es kann auf einem einfachen Forstweg sein, wie in Hessen (mehr dazu in dem Artikel „Nur ein einfacher Forstweg, aber pure Entspannung“). Zwischendurch dann so ein Abenteuerpfad, bei dem man aufpassen muss, wo man hintritt, sodass das Smartphone konstant in der Tasche bleibt. (Deshalb gibt es nur das eine Foto.)

Abenteuerpfade stärken die Bindung von Hund und Mensch

Ein Pfad, bei dem man nicht weiß, ob man irgendwo ankommt oder irgendwann umdrehen muss. Das liebe ich. Das schweißt Alex und mich außerdem noch mehr zusammen und macht Spaß. Zusätzlich stellt es eben ein gutes Fitnesstraining dar: für mich, aber insbesondere für Alex. Die Unebenheiten im Boden, die Äste, das Hinauf- und Hinabsteigen sprechen fast alle Muskeln an. Es fördert die Konzentration und stärkt die Koordination sowie Balance. Unser Hundefitnesstraining können wir uns also heute definitiv sparen.

Da dieser Waldweg aber so anspruchsvoll ist, muss ich natürlich vermehrt auf Alex Körpersprache achten. Also auf seine Haltung, sein Tempo, auf seine Anspannung oder Entspannung im Gesicht. Schließlich möchte ich ihn nicht körperlich überfordern. Denn das kann sich negativ auf seine Gesundheit und den Alterungsprozess auswirken. Er scheint aber nach wie vor fit und motiviert zu sein.

Mehr oder weniger kommen wir oben an. Farn und Sträucher bedecken den Boden. Eine Lichtung, die von den einstigen Bewohnern – den Bäumen – befreit wurde. Ich dachte, wir können auf einen anderen Schotterweg gelangen, aber Fehlanzeige. Der vom Fahrzeug entstandene Weg scheint in einigen Metern zu enden. Zwar habe ich im schwedischen Wald gelernt, dass manche Wege weitergehen, auch wenn man es nicht gleich sieht. Nur mit jedem weiteren Schritt erkennt man manches Mal den Pfad.

Kleine Abenteuer mit Hund

Aber dieser Abschnitt in Jönköping län wird nicht einfacher, sondern fordernder. Ich weiß nicht, wie lang der Weg bisher war. Wir haben auf jeden Fall nicht viel Strecke zurückgelegt. Allerdings war der Teil sehr anstrengend, nicht so sehr für mich, vielmehr für Alex. Er will zwar noch weiter, aber ich trage die Verantwortung für seine Gesundheit. Mein Hund denkt nicht wie ich an den Rückweg und daran, dass er dafür ja fit genug sein muss. Klar, vielleicht kommen wir auf einen leichteren Weg, aber wenn nicht, wächst die anspruchsvolle Streckenlänge. Also entscheide ich mich nun doch fürs Umdrehen.

Alex scheint nicht so angetan, aber nach kurzem Zögern folgt er mir. Der Weg zurück ist noch etwas anstrengender, denn nun geht es teilweise wieder bergab. Obwohl wir den Abschnitt schon kennen, macht er weiterhin Spaß. Ich entdecke manch neues Detail, wie lilafarbene Blüten zwischen dem Farn oder kleine Höhlen in den Baumstämmen. Der Rückweg fordert noch einmal mehr meine Konzentration, weil wir teils über größere Steine und Unebenheiten hinabsteigen müssen auf mit Ästen bedecktem Boden. Unversehrt und mit strahlenden Augen erreichen wir wieder den Schotterweg und begeben uns in unser temporäres Zuhause. Was für ein schönes kleines Abenteuer mit meinem Hund in Südschweden. Bitte noch mehr davon!


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