GassiStehen statt GassiGehen

In meinem Körper kribbelt es. Ich verspüre einen Druck in meinen Armen, meinen Beinen, im Brustkorb und im Kopf. Den Drang Vorwärtszugehen. Mein Hund hat aber anderes vor. Er steht mit allen vier Pfoten fest auf dem Boden. Er schnüffelt nicht, sondern schaut einfach mit erhobenem Kopf nach vorne. Von Anspannung keine Spur: Seine Rute hängt locker herunter und sein Gesicht wirkt entspannt. Die Muskeln seines restlichen Körpers zeigen auch nicht mehr Spannung, als sie für das Stehen benötigen. Meine Muskeln spannen sich hingegen mit jeder Sekunde, die vergeht, mehr an. Mein innerlicher Druck wächst. Ich habe das Gefühl, wenn wir nicht gleich endlich weitergehen, dann zerplatze ich.

Alex dreht seinen Hundekopf seelenruhig zur Seite und schaut wieder eine Weile vor sich hin. Ich unterdrücke währenddessen den aufkeimenden Impuls, meinen Hund einfach weiterzuziehen. Für mich fühlt es sich wie eine Ewigkeit an. Wie lange wir so dastehen, weiß ich jedoch nicht. Dann endlich die Erlösung: Alex hebt wieder seine Pfoten und setzt sich in Bewegung. Meine Anspannung löst sich – etwas. Doch zu früh gefreut. Denn mein Hund hebt und setzt jedes Bein lediglich zweimal, dann bleibt er wieder stehen und blickt vor sich hin. Ich erstarre und mein Körper wird wieder fest. In meinem Kopf schreit eine Stimmung: „LOS! Lass uns endlich weiter, sonst raste ich aus!“ Allerdings behalte ich sie für mich.

Beobachten, um die Situationen besser zu erfassen

So oder so ähnlich liefen unsere ersten Gassisteh-Runden ab. Ich weiß gar nicht mehr genau, wann sie anfingen. Sie entwickelten sich schleichend. Als Alex‘ Angst endlich besser wurde, gab es die ersten Hinweise. Jahrelang war seine bevorzugte Angstreaktion die Flucht. Außer beim Tierarzt, da war es das Erstarren. Als mein Hund etwas mutiger wurde, fing er an, die Dinge, Menschen und Situationen zu beobachten – mit Sicherheitsabstand, versteht sich. Die Angst blieb aber. Jetzt ist es anders.

Er beobachtet die Umgebung nicht aus Angst, sondern um sie besser wahrzunehmen. Dafür nutzt er mittlerweile ausgiebig seine dicke schwarze Hundenase. Mein Hund mutierte zu einem Superschnüffler. Jahrelang war das ein Ding der Unmöglichkeit, weil seine Angst einfach zu groß war. (Mehr zu Angstreaktionen sowie zu unseren Ängsten erfährst Du in dem Artikel „Mein Hund, die Angst und ich“ und in der Sonderausgabe von Hund im Gepäck – das Magazin „Angst bei Hunden: verstehen, erkennen, begegnen.“)

Mit dem Alter wurde er ruhiger. Außerdem lässt seine körperliche Fitness nach. Mit Hundefitnesstraining steuern wir dagegen an, aber der natürliche Prozess des Alterns lässt sich nicht gänzlich aufhalten (mehr über unser Hundefitnesstraining erzähle ich hier: „SeniorGLÜCK für Alex Teil 1“). Trotzdem gab es viele Tage, an denen Alex noch problemlos sechs bis acht Kilometer mit mir wanderte. Zumindest bis zum Herbst 2025. Da erlitt er ein geriatrisches Vestibularsyndrom und konnte anfangs nicht einmal mehr alleine stehen, geschweige denn gehen, ohne umzufallen.

Nur noch kleine Wanderungen mit Hund

Von Tag zu Tag wurde es besser. Ich ließ ihn einfach viel stehen, während ich ihn stützte. Schließlich trainiert auch das Stehen die Muskeln eines Hundes. Nach etwa drei Wochen konnte er dann wieder ohne Leine laufen beziehungsweise ohne meine schnell einspringende Hand, die ihn mit der Leine an seinem Geschirr rechtzeitig auffing. Wann das passierte, wie sich das geriatrische Vestibularsyndrom bei Alex äußerte und mehr erzähle ich in dem Artikel „Auf Freud folgt Leid“.


„Hund im Gepäck – das Magazin“ ist für Hundefreunde, die statt Tippsammlungen Geschichten aus dem echten Leben suchen – Geschichten, die berühren, Freude machen und dazu einladen, uns zu begleiten.

In der Hauptausgabe erwarten dich persönliche Reportagen, ehrliche Einblicke in den Hundealltag, besondere Herzensprojekte und Geschichten, die Lust machen, gemeinsam mit dem Hund die Welt zu erleben. Außerdem gibt es Sonderausgaben (ebenfalls mit persönlichen Erfahrungen), die ausgewählte Themen vertiefen und neue Perspektiven eröffnen.


Glücklicherweise hat sich Alex davon komplett wieder erholt. Leider hat er Muskeln abgebaut, vor allem an den Hinterbeinen und am Rücken. Außerdem verliert er manchmal etwas das Gleichgewicht oder stolpert. Also kleine, seltene Nachwehen. Acht Kilometer sind wir seitdem aber nicht mehr gewandert. Auch wenn ich glaube, dass es im Frühjahr und Herbst für ihn an guten Tagen machbar wäre, will ich ihm das nicht zumuten – aus Angst, ihn doch zu überfordern. Drei bis vier Kilometer wandert Alex wieder mit. Allerdings nicht mehr jeden Tag.

Statt Kilometer sammeln mein Hund und ich schöne Momente

Früher bestand unsere morgendliche Hunderunde aus mindestens ein bis eineinhalb Stunden Spazierengehen, wenn wir nicht zu einer Wanderung aufgebrochen sind. Meist folgten im Laufe des Tages noch weitere, jedoch kürzere Runden. Als wir noch in Baden-Württemberg gewohnt haben, legten wir fast täglich insgesamt zehn Kilometer zurück. Während unserer Teilnahmen an der Dog-Walk-Challenge auf Facebook teilweise mehr. Unsere Hunderunden und unser Wanderverhalten änderten sich aber irgendwann. Es wurde langsamer, kürzere Strecken und viel bewusster. Statt Kilometer sammeln wir seit einer Weile lieber schöne Momente und genießen die gemeinsame Zeit. Trotzdem fiel mir das Gassistehen anfangs schwer.

Je länger mein Hund und ich in Schweden leben, umso leichter wird es. Ich habe mir angewöhnt, meinen intensiven Bewegungsdrang alleine auszuleben, indem ich auch ohne Alex spazieren gehe. Anfangs immer im Stechschritt. Das fing in Ljungby kommun an. Meist nachmittags. Bei unserem knapp vierwöchigen Zwischenstopp in Osby kommun in Skåne län war das leider nicht möglich. Schließlich wohnten wir im Auto und da wollte ich Alex nicht alleine lassen. (Mehr dazu in den folgenden Artikeln: „Willkommen im Paradies“, „Schwedenpost: etwas Fikafeeling zum Schluss“ und „Regen im Paradies“). Als wir unseren Zwischenstopp in Eksjö kommun in Jönköping län einlegten, fing ich wieder damit an. Nun, in Högsby kommun in Kalmar län spaziere ich jetzt immer morgens, um meine überschüssige Energie loszuwerden. Das benötige ich, damit ich mich besser auf meine Arbeit und das Bewältigen der derzeitigen Probleme konzentrieren kann.

Hündische Renneinlagen am Badeplatz in Grönskara

Außerdem hilft mir das dabei, das Gassistehen mit Alex entspannt zu genießen. Bei manchen unserer Hunderunden gehen wir weiter oder legen kleine Renneinlagen ein. Teilweise legen wir den Weg von unserer Ferienwohnung in Grönskara bis zum Badeplatz Gassistehend zurück. Dann flitzen Alex und ich über die Wiese am Fluss. Zugegeben, mein Hund ist der bessere Flitzer – trotz seines Alters. Ich renne hinterher und versuche, ihn nicht auszubremsen. Da kommt mir sein Alter etwas entgegen. Früher hat Alex sogar viele Windhunde abgehängt. Nur bei zwei Greyhounds konnte er dann doch nicht mithalten. Zwar steckt in ihm eventuell ein Saluki oder ein anderer Windhund, aber Greyhounds sind eben die schnellsten Hunde auf der Welt. So schnell wie früher rennt Alex aber mittlerweile nicht mehr. Dadurch komme ich wenigstens für eine Weile hinterher.

Wir machen inzwischen aber halt mehr Hunderunden, bei denen ich stehe, weil Alex ausgiebig schnüffelt oder eben durch die Gegend schaut, um sie wahrzunehmen. Mit dem Alter können sich beim Hund unter anderem die kognitiven Fähigkeiten verändern, da auch das Gehirn und die Nervenfunktionen altersbedingten Veränderungen unterliegen. Dadurch kann es passieren, dass ältere Hunde wie ältere Menschen teilweise etwas länger brauchen, um Informationen zu verarbeiten. Oft werden Seniorhunde als stur oder starrsinnig bezeichnet, dabei benötigen sie teils einfach länger, um sich auf eine Situation einzustellen und um diese zu erfassen.

10 Dinge, die du über das Stehen deines Hundes vielleicht noch nicht wusstest

1. Stehen ist Muskelarbeit.
Auch wenn dein Hund scheinbar einfach nur dasteht, arbeitet seine Muskulatur permanent gegen die Schwerkraft. Vor allem die stabilisierende Muskulatur ist dabei gefragt.

2. Stillstehen ist eigentlich gar nicht still.
Der Körper macht ständig winzige Ausgleichsbewegungen. Muskeln und Nervensystem korrigieren fortlaufend die Körperposition, damit der Hund im Gleichgewicht bleibt.

3. Stehen trainiert die Körperwahrnehmung.
Der Hund bekommt Informationen aus Muskeln, Gelenken und Gleichgewichtsorgan darüber, wo sich sein Körper im Raum befindet. Diese sogenannte Propriozeption ist eine wichtige Grundlage für kontrollierte Bewegung.

4. Vier Pfoten am Boden heißt nicht automatisch: gleichmäßig belastet.
Ein Hund kann im Stand unbemerkt mehr Gewicht auf eine bestimmte Gliedmaße verlagern. Ein sauber aufgebauter Stand kann deshalb auch dazu beitragen, die Körperwahrnehmung und bewusste Gewichtsverteilung zu verbessern.

5. Stehen ist eine wichtige Basis für viele andere Übungen.
Pfote heben, Gewichtsverlagerungen, Steh-Sitz-Transfer oder Dehnübungen – vieles beginnt mit einem guten, stabilen Stand.

6. Stehen kann eine Art isometrisches Training sein.
Dabei erzeugt der Muskel Spannung, ohne dass sich das Gelenk sichtbar bewegt. Der Hund „macht also etwas“, obwohl man von außen kaum Bewegung sieht.

7. Die kleinen Muskeln sind nicht unwichtig.
Beim Halten der Körperposition arbeiten nicht nur die großen, sichtbaren Muskeln. Auch viele kleinere stabilisierende Muskeln leisten permanent Feinarbeit.

8. Die Unterlage verändert die Aufgabe.
Ein stabiler Boden stellt andere Anforderungen als eine weiche oder leicht instabile Unterlage. Dadurch kann dieselbe Grundposition plötzlich deutlich anspruchsvoller werden. Natürlich sollte der Schwierigkeitsgrad immer zum Trainingsstand des Hundes passen.

9. Stehen kann Konzentration erfordern.
Ein bewusst gehaltenes, kontrolliertes Stehen ist nicht nur körperlich, sondern auch eine Aufgabe für das Nervensystem: Informationen aufnehmen, verarbeiten und die Körperposition entsprechend anpassen.

10. Stehen ist ein Training fürs „Dazwischen“.
Zwischen zwei Bewegungen muss der Körper immer wieder stabilisieren, abbremsen und neu ausrichten. Ein guter Stand schafft deshalb eine wichtige Grundlage für kontrollierte Bewegung.

Stehen ist also mehr als „nichts tun“.
Es ist eine Kombination aus Muskelarbeit, Gleichgewicht, Körperwahrnehmung und permanenter Feinsteuerung. Und genau deshalb hat der Stand im Hund-Fitness-Training seinen festen Platz.

Hinweis: Während der Blogartikel komplette und ausschließlich von mir stammt, habe ich mir für die Auflistung von KI geholt.

Das trägt sicherlich zu dem vermehrten Gassistehen bei. Außerdem hört und sieht er nicht mehr ganz so gut. Er braucht also mehr Zeit, um zu erkennen, ob sich etwas nähert, und wenn, ob es sich dabei um einen Freund oder ein Monster handelt. Letzteres gibt es für meinen Hund nämlich nach wie vor, obwohl er mit dem Alter weitaus gelassener geworden ist.

Runterfahren beim GassiStehen

Ich genieße die Momente mittlerweile. Einerseits freut es mich, dass Alex nun endlich ausgiebig schnüffelt und sich für seine Umwelt interessiert, anstatt vor ihr fliehen zu wollen. Glücksgefühle machen sich dadurch in meinem gesamten Körper breit. Andererseits nehme ich dadurch vieles bewusster wahr. Mein Körper entspannt sich, die Luft fließt tiefer und unbeschwerter in meinen Bauch und wieder heraus. Meine eigene Körperwahrnehmung und die meines Hundes verbessern sich. Je besser ich mich selbst wahrnehme, umso besser verstehe ich, wie sich mein Verhalten auf Alex überträgt.

Es dient auch als Achtsamkeitsübung, wodurch unter anderem Stress reduziert werden kann, weil man sich eben auf sich und den gegenwärtigen Moment konzentriert und die Gedanken beiseite schiebt. Ich bin dadurch auf eine viel intensivere Art mit Alex verbunden. Das kann ich nicht beschreiben, das muss man fühlen. Außerdem entdecke ich die Schönheit der Natur. Sehe Blumen, die mir vorher nicht aufgefallen sind, weil ich nur vorbeisauste. Sehe kleine und große Raupen, Federn, Himbeeren und weitere Schätze der Natur. Manchmal finde ich sogar Geld oder andere Dinge. Also ich nehme durch das bewusste, achtsame Gassistehen viel mehr (kleine) positive Dinge wahr.

Den Hund besser verstehen

Ich nutze die Zeit des Gassistehens zusätzlich, um Alex zu beobachten. Zum einen, weil ich mich erfreue an seiner süßen, neugierigen Art, seinem eleganten Aussehen, seinen flauschigen, schwarzen Knickohren, seiner dicken, schwarzen Hundenase und seinen strahlenden bernsteinfarbenen Augen. Zum anderen, um ihn besser zu verstehen und Veränderungen frühzeitig zu bemerken. Das mache ich vermehrt, nachdem ich für den Podcast von „Hund im Gepäck“ mit Christiane Jacobs von „Sprich Hund“ gesprochen habe. (Zur Folge auf Spotify: „Hündisch – die wichtigste Fremdsprache für Hundehalter“)

Die Hundetrainerin widmet sich der Körpersprache des Hundes. In dem Interview gab sie den Rat: Wer seinen Hund besser verstehen will, sollte sich im Beobachten schulen. Um das zu üben, kann es hilfreich sein, sich zunächst auf ein Körperteil zu konzentrieren, wie zum Beispiel die Ohren oder die Rute, und diese ein paar Tage genauer zu betrachten. Also, wie hält der Hund die, was macht er damit und Ähnliches. Dann geht es zu dem nächsten Bereich. Das hatte ich tatsächlich schon einmal gemacht. Mir fällt es aber teilweise schwer, mich nur auf eine Sache länger zu konzentrieren. Mir wird dann auch schnell langweilig. Etwas habe ich es trotzdem geübt.

Veränderungen beim Hund fallen schneller auf

Deshalb betrachte ich mittlerweile meist mehr. So sehe ich zum Beispiel, dass Alex sein Gewicht auf seine rechte Vorderpfote und seine rechte Hinterpfote verlagert. So etwas kann ein Moment sein, bei Alex kann das aber auch beispielsweise an seinen Hüftproblemen liegen. Zittern seine Hinterbeine, weil es vielleicht zu anstrengend für sie ist? Ich schaue mir seine Hundeschnauze an. Presst er die Zähne zusammen und hält er das Maul leicht, locker geöffnet? Darüber erkenne ich zum Beispiel, ob ihn eventuell etwas beunruhigt. Wobei ich natürlich sagen muss, ein Detail allein reicht nicht aus, um zu erkennen, ob ein Hund entspannt, ängstlich, aufgeregt, aggressiv oder was auch immer ist. Das bestätigte Christiane Jacobs: Der Kontext/die Situation spielen nämlich ebenfalls eine Rolle. Mal erkenne ich mehr, mal weniger. Was mir beim Gassistehen alles bei Alex auffällt oder eben nicht, damit könnte ich teilweise Seiten füllen. Deshalb belasse ich es bei den genannten Beispielen.

Nicht immer beobachte ich meinen Hund so, aber öfter. Denn so fällt mir teils schneller auf, ob Alex Schmerzen hat, ein Wehwehchen, ob er vielleicht die Situation verlassen möchte, wie weit er gehen will oder kann, welches Bedürfnis er gerade hat und noch jede Menge mehr. Es hilft dabei, Signale früher zu erkennen und zu verstehen, anstatt erst zu reagieren, wenn der Hund an der Leine zerrt, bellt oder dergleichen. Das verbessert unter anderem die Hund-Mensch-Kommunikation. Neben der entspannenden, entschleunigenden Wirkung für mich, trägt das Gassistehen und Beobachten also zusätzlich dazu bei, meinen Hund besser zu verstehen und ihm ein gutes, glückliches Leben zu ermöglichen.

Das Helikopterfrauchen zeigt sich auch manchmal

Es kommt natürlich genauso vor, dass ich den Kontrollfreak und das Helikopterfrauchen rauslasse. Denn Alex mutierte vor einigen Jahren zum tierischen Staubsauger. Alles, was ihm irgendwie essbar erscheint, verschwindet mit einem Haps in seinem Hundemaul. Zu seinen liebsten Delikatessen zählt beispielsweise Katzenkacke. Aufgrund seiner gesundheitlichen Baustelleen, möchte ich nicht, dass er so etwas frisst. Davon abgesehen finde ich es ekelig. Außerdem können seine aufgespürten Snacks ja ebenso gut schädliche Stoffe beinhalten.

Manchmal verliere ich mich in Gedanken, manchmal lasse ich das bewusst zu, manchmal schiebe ich sie beiseite und erinnere mich an das Geschenk des gemeinsamen Seins mit Alex. Manchmal taucht weiterhin der Impuls auf, einfach weiterzugehen, aber ich erinnere mich auch dann wieder daran, bewusst zu werden und den Moment mit Alex zu genießen: Schließlich sind das mit die schönsten in meinem Leben.

Also mittlerweile liebe ich unser Gassistehen und möchte es nicht mehr missen. Natürlich fällt es hier in Schweden etwas leichter. Denn es geht hier generell etwas ruhiger und entspannter zu – zumindest im ländlichen Raum. Während ich das schreibe, befinden wir uns noch in Grönskara, einem kleinen Ort in Kalmar län. Dabei handelt es sich um den östlichsten Bezirk des Smålandes, der an die Ostsee grenzt. Wenn wir vor die Tür treten, sind wir nicht sofort mitten in der Natur, sondern umgeben von Häusern und einer belebten Straße. Kein Vergleich zu einer Stadt.

Das bewusste Unterwegssein mit Hund ist in Schweden leicht

In Schweden herrscht außerdem selbst in manch Stadt eine spürbare Gelassenheit und eine ruhige, entspannte Atmosphäre. Die vielleicht nicht jeder spürt. Das hilft natürlich beim bewussten Unterwegssein mit Hund. In der schwedischen Natur gibt es meist aber noch ein Sahnehäubchen obendrauf: Dort fällt es mir noch leichter, mich mit meinem Hund, mit mir und der Umgebung zu verbinden. Aber theoretisch kann man überall Gassistehen und dabei Entspannung sowie Freude empfinden. Je nach Hund und Halter.

Eine Inspiration, um bewusstes Wahrnehmen zu üben

Das muss kein separates „Achtsamkeitstraining“ sein. Du kannst einfach beim Spaziergang einmal stehen bleiben. Nicht um eine Übung zu machen. Nicht um Leistung zu bringen. Sondern vielleicht Dich nur ein paar der folgenden Fragen zu widmen – und sei es nur für 30 Sekunden:

Was spüre ich gerade in meinen Füßen?

Wie ist meine Atmung?

Wo bin ich angespannt?

Was höre ich?

Was sehe ich?

Was rieche ich?

Wie fühlt sich der Untergrund an?


Was macht mein Hund gerade?

Wo trägt der Hund sein Gewicht?

Wie ist seine Atmung?

Wie hält er seine Rute?

Ist die Muskulatur angespannt oder locker?

Wie verändert sich seine Haltung, wenn draußen etwas passiert?

Und was passiert in mir, während ich das alles wahrnehme?

Das ist im Grunde eine kleine Reset-Taste für die Aufmerksamkeit.

Bei uns entwickelte sich das Gassistehen langsam. Wir haben es nicht gesucht, trotzdem gefunden. Ich musste mich zwar dran gewöhnen beziehungsweise einen Weg finden, damit meine überschüssige Energie diese besonderen gemeinsamen Momente verhindert, aber auch den habe ich eher „zufällig“ gefunden. Sofern wir weder uns noch andere gefährden oder stören, darf Alex entscheiden, wann wir stehen und wann wir gehen.

Manchmal bin ich es aber, die verharrt. Einfach, weil ich bewusst zuschauen möchte, wie die Wolken von dannen ziehen, wie sich der Farn im Wind wiegt, kleine Wellen die Wasseroberfläche zieren, oder bewusst spüren möchte, wie die Sonnenstrahlen mein Gesicht erwärmen, wie meine Füße gleichzeitig fest und locker auf dem Boden stehen, einen tiefen Atemzug nehmen oder was auch immer ich in dem Moment aufmerksam wahrnehmen will. Also sammeln mein Hund und ich nicht nur vermehrt gemeinsame Zeit sowie Erinnerungen, sondern auch kleine, feine Momente, die einem ein Lächeln schenken. Das trägt dazu bei, dass ich und mein Hund glücklich sind – trotz all der derzeitigen Probleme.

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