Eine grausige Fahrt zum schönsten Ort in Liechtenstein

Aufgeben ist nicht gerade meine Stärke und so wurmt es mich, dass ich das erste Mal den Weg nach Steg abgebrochen habe. Nein, ich war nicht wandernd mit Hund unterwegs, sondern im Auto – was das Ganze für mich noch unerträglicher macht. Doch ich will es nicht auf mir sitzen lassen und so machen Alex und ich uns erneut auf den Weg. 

Schon beim Verlassen von Vaduz geht es langsam los: Meine Angst fängt ganz leise an zu fiepen, dabei befinden wir uns noch auf einer breiten, geraden und vor allem ebenen Straße. Doch ich weiß, was uns bevor steht oder zumindest zum Teil. Denn zwei Tage vorher habe ich die Fahrt ins etwa 1300 Meter hoch gelegene Steg abgebrochen, weil ich die steilen Straßen mit ihren engen Kurven einfach nicht mehr ertragen habe. Zu groß war die Angst hinabzustürzen beziehungsweise zu rollen.

Normalerweise habe ich keine Probleme mit Serpentinen. Doch bei meinem ersten Versuch war es anders und auch jetzt geht es schon wieder los. Wir nähern uns Triesenberg und ich weiß ganz genau, dort müssen wir hinauf und noch höher. Mein Hund Alex liegt ganz entspannt auf dem Rücksitz und schaut mich bei jedem Blick zurück entspannt in die Augen. 

Langsam verwandelt sich die ebene Straße. Es geht bergauf, doch nur ganz leicht. Die erste Kurve ist auch kein Problem und trotzdem schlägt mein Herz schon etwas schneller. Die Angststimme wird langsam lauter, auch wenn ich noch nicht verstehe, was sie sagt. Leider weiß ich, was vor uns liegt und somit kann ich nicht entspannt bleiben, aber ich kann und will nicht schon wieder aufgeben. Das ist doch nur eine Straße, die eigentlich breit genug ist. Leitplanken und Zäune suggerieren Sicherheit. Ob die tatsächlich Stand halten bei einem Zusammenprall? Ich bezweifle es. Doch nicht überall geht es steil bergab und gerade am Anfang dürfte eine Fahrt durch die Planken nicht allzu schlimm ausgehen.

„Einfach nur nach vorne schauen.“

Trotzdem mein Herz fängt an zu rasen. Mein Auto kämpft, denn langsam geht es steiler zu und es hat lediglich 75 PS. Meine Hände krallen sich immer weiter ins Lenkrad und mein Oberkörper lehnt sich abwechselnd nach rechts und nach links. Warum auch immer. Auch wenn ich vielleicht kein Fliegengewicht bin, dürften meine Kilos trotzdem nicht ausreichen, um mein wahrscheinlich über tausend Kilogramm schweres Auto vom Umkippen abzuhalten. Und trotzdem lehne ich mich wie bei einem Motorrad in die Kurven, die langsam in immer kürzeren Abständen auftauchen.

Wir erreichen Triesenberg und eine Baustellenampel, die ich beim letzten Versuch auch schon erreicht hatte. Ich bete, dass sie auf grün stehen bleibt. Zwar kann ich durchaus sehr gut am Berg anfahren, schließlich hat mein Fahrlehrer mir das vernünftig beigebracht, aber trotzdem habe ich Angst. Angst, dass ich es ausgerechnet heute nicht schaffe und entweder rückwärts runter rolle. Die Ampel bleibt grün und ich nehme die ganz enge Kurve, die direkt dahinter auf uns wartet. „Du schaffst das“, ist mein heutiges Mantra – unterstützt von einem „einfach nur nach vorne schauen.“ Dennoch geht mein Blick zwischendurch zur Seite.

Mal bleibt er an den Häusern hängen, die meist etwas unter uns sind, oder er kann den Rhein, das Tal und die gegenüberliegenden Berge sehen. Die Aussicht ist grandios und ich muss immer wieder hinschauen. Nur ganz kurz, bis die nächste Kurve wieder meine volle Aufmerksamkeit erfordert. Mit Tempo 30 quäle ich mich und meinen Polo hinauf. Von meinem Hund Alex höre ich nichts. Scheinbar interessiert ihn meine Tortur nicht. Ein ganz kurzer Blick zu ihm – alles in Ordnung. Und dann lege ich mich schon wieder mit meinem Oberkörper zur Seite. Mein Herz klopft so schnell, als würde ein wild gewordener Musiker auf einem Schlagzeug trommeln.

Du schaffst das, einfach nur nach vorne schauen“, höre ich meine Stimme wieder. Doch zwischendurch meldet sich auch meine Angst, die ich allmählich hören kann. Sie fragt mich, warum ich mir das antue? „Es zwingt dich doch keiner. Dreh einfach wieder um und wenn es dir peinlich ist, brauchst du es ja keinem zu erzählen. Das ist doch bescheuert dich so einer Gefahr und so einem Stress auszusetzen!“ Nein ich will nicht nachgeben. Aufgeben widerspricht einfach meiner Natur. Bis jetzt kann ich die Male an einer Hand abzählen und das soll auch so bleiben. Und erst recht will ich mich von einer Autofahrt nicht in die Knie zwingen lassen. Also weiter.

Die sehr engen Kurven sorgen für feuchte Hände

Inzwischen hat sich der Abstand zwischen den Kurven stark verringert und sie sind streckenweise so eng, dass ich sie zum Teil nur mit zehn km/h nehmen kann. Mit mehr PS ginge es sicherlich noch schneller, aber bestimmt nicht viel. Triesenberg und seine schönen Häusern mit den von mir geliebten Fensterläden aus Holz und teils Holzbalkonen kann ich nicht genießen. Und da die Kurven meine volle Aufmerksamkeit brauchen, kann ich inzwischen nicht mal mehr richtig hinschauen. Auto gib bitte jetzt nicht auf!

Meine Hände sind inzwischen sehr feucht. In Windeseile gehen sie abwechselnd an die Hose und dann gleich wieder fest an das Lenkrad. „Ich will nicht mehr!“ Doch ich fahr weiter. Die Fingerknöchel werden schon etwas weiß. Ich schleppe mich von Kurve zu Kurve. Wie viele es sind? Ich weiß es nicht. Zwischendurch muss ich lachen: Sicherlich gebe ich ein sehr armseliges und bescheuertes Bild ab. So festgekrallt, vermutlich bleich im Gesicht und dann wie ein Rennfahrer zur Seite gebeugt. Und das alles nur wegen einer verdammten Straße…

Die Ecke an der ich meinen ersten Versuch abgebrochen habe, liegt schon hinter uns. Jetzt müsste eigentlich bald der Tunnel kommen und dann ist das schlimmste geschafft. Doch wo bleibt er? Die nächste Kurve und noch eine und noch eine. Wenn das nicht bald aufhört, drehe ich doch um. Nein, das geht nicht. Ein kleiner Kampf beginnt in mir, wie schon beim Wildschloss (mehr dazu gibt es hier). Innerhalb einer Woche gleich zwei solche Herausforderungen ist sehr ungewöhnlich bei mir. Normalerweise vergehen Monate, denn auch wenn ich ein Schisser bin, gibt es bis jetzt nur weniges, was mich wirklich so herausfordert. Nun gut. Und dann sehe ich ihn: den Tunnel. Hoffentlich ist er nicht zu lang.

Beim Näherkommen sehe ich die Helligkeit auf der anderen Seite, also hält sich die Länge in Grenzen. Allerdings passt nur ein Auto hindurch und so muss ich ganz genau hinschauen, ob der Weg frei ist. Beim Durchfahren lassen meine Finger etwas locker. Mein Herz rast zwar noch und die Hände sind feucht, aber ich bin nicht mehr so angespannt und lehne auch nicht mehr meinen Körper zur Seite.

Kurz nach dem Tunnel fahr ich auf einen Parkplatz. Sofort bin ich begeistert. In dem Kessel des Samina- und Malbuntal gibt es nur ein paar Hütten und die sind fast alle aus Holz. Kein Vergleich zu den ganzen sanierten im restlichen Liechtenstein. Es ist unglaublich idyllisch. Die Luft ist frisch und kühler als unten. Der Blick auf die Berge mit ihren Schneespitzen und den türkisen Stausee ist unbeschreiblich schön. Und dann noch diese Stille. Es ist der schönste Ort, den ich in Liechtenstein gesehen habe und den mein Hund Alex und ich noch ein Stück zu Fuß erkunden. Mehr über Steg erfährst Du im Video.

Hast Du auch schon mal so etwas Ähnliches erlebt? Dann freue ich mich davon in den Kommentaren zu lesen.

Tipps

  • Im Nachhinein weiß ich nicht, ob ich nur einen schlechten beziehungsweise empfindlichen Tag hatte oder ob der Weg wirklich so schlimm ist. Falls Du schon mal die Strecke gefahren bist, freue ich mich über Deine Einschätzung in den Kommentaren!
  • Nach unserer Runde am Fluss entlang sind Alex und ich sogar noch ein Stück höher gefahren nach Malun. Der Abschnitt ist sehr kurz und war für mich nicht herausfordernd. Er ist recht gerade mit einer leichten Steigung und keinen Abgründen. Allerdings finde ich es nicht sehr lohnenswert. Der Ort ist ein Skifahrtgebiet und so gibt es dort neben den Skiliften eigentlich nur Hotels und ein paar Restaurants. Es soll zwar eine schöne Wanderung um Malun herum geben, aber da noch Schnee lag und wir vorher schon unterwegs waren, habe ich diese nicht getestet.
  • Nach Steg kommt man übrigens auch über verschiedene Wege zu Fuß, was aufgrund der Steigungen recht anstrengend sein dürfte. Von dem Stausee laden auch verschiedene Wege zum Wandern ein, die teils sehr anspruchsvoll sein können. Allerdings habe ich keine große Wanderung getestet und kann es so nicht selbst beurteilen. Mehr zu möglichen Wanderungen gibt es beim Liechtenstein Marketing oder auch bei outdooractive wie die durch das Valünatal.
  • In Steg gibt es auch ein Gasthaus das Restaurant Bergstübli, wo man sich mit Speis und Trank stärken kann.
  • Der Fluss oder das Flüsschen ist an vielen Stellen für Hunde begehbar, sodass sie etwas trinken können. Wer noch weiter wandern will, sollte aber definitiv Wasser dabei haben.
  • Auch wenn in Liechtenstein warme Temperaturen sind, sollte etwas zum Überziehen dabei sein, denn in Steg kann es aufgrund der Höhe doch um einiges kühler sein. Bei unserem Besuch im April lagen sogar noch ein paar Schneereste herum.

2 Comments

  1. Huhu!
    Oh, was für ein Horror. Ich habe jede Kurve mitgelitten. Nein, ich habe keine Höhenangst und kann mit kurvigen Strecken gut umgehen, da ich selber in einer bergigen Gegend wohne. Aber deine Erzählung ist so lebensnah, dass man förmlich mitleidet. Ich war dort leider noch nicht, aber nach deiner Beschreibung möchte ich unbedingt mal dort hin. Die Aussicht muss herrlich sein und ich liebe es doch, die Einsamkeit, Stille und Natur zu genießen. Hach…

    Flauschige Grüße
    Sandra & Shiva

    • Anni Antworten

      Hy,
      danke für Deinen lieben Kommentar. Ich freue mich sehr, dass Dich meine Worte die Fahrt miterleben lassen, das ist das beste Kompliment, das man mir machen kann, danke!!!
      Wenn Du/Ihr die Möglichkeit habt, solltet Ihr unbedingt dort einmal hinfahren, es ist wirklich traumhaft schön dort oben.
      Liebe Grüße
      Anni

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