Es knirscht unter den Füßen und Pfoten. Wie lässt sich das Geräusch beschreiben, das bei uns fast jeder kennt? Knatsch, Knut, Knat, Knotsch, Kniatsch? Schritt für Schritt lausche ich – bei jedem Aufkommen und Abrollen der Füße versuche ich die Töne genau zu erkennen und aneinanderzureihen. Ich gehe so langsam wie möglich. Zeitlupe schaffe ich als Schnellgeherin aber bei weitem nicht. Meine Ohren sind zwar sehr empfindlich, aber Töne auseinanderzuhalten, fällt mir schwer. Am ehesten trifft es „knatsch“, oder doch nicht? Schlussendlich spielt es keine Rolle. Ich gebe auf: Der Schnee knirscht – fertig aus.
Für meinen Hund Alex spielt es sowieso keine Rolle. Er widmet sich lieber den Duftspuren seiner Freunde und Feinde, die für mich mehr als deutlich sichtbar sind: Pfotenabdrücke auf dem weißen Boden. Kurz geselle ich mich zu ihm. Schaue mir an, was er da erschnüffelt. Kein gelber Fleck, sondern ein brauner: Irgendwer oder irgendetwas hat hier den Schnee beiseite geschubst. Die Erde zeigt sich. Bis auf Waldboden und vor Nässe triefende, braune Blätter sehe ich nix. Obwohl ich auch meine Nase kräusle, schnell und etwas lauter als sonst ein- sowie ausatme. Alex wirft mir einen anerkennenden Blick zu. Er schätzt es, wenn ich mich für ihn und seine Fundstücke interessiere. Was er aber für einen Duft mit Hilfe seiner Hundenase analysiert, bleibt im Verborgenen: Ich habe eben nur bis zu 30 Millionen Riechzellen und keine bis zu 200 Millionen Riechzellen wie er. Außerdem kann ich über meine Nase auch keine Aussagen über die Tierart, das Geschlecht oder den Gesundheitszustand erfahren. Ich bin eben ein Mensch und kein Hund.
Kein Waldkauz und kein Specht
Also lausche ich den Vögeln. Nur vereinzelt hüpft mal einer zwischen den Hecken hindurch. Es zwitschern und trällern aber einige. Rotkehlchen, Amsel, Elster, Grünfink, Blaumeise, Haussperling, Kleiber und Heckenbraunelle sind nur einige der Wintervögel in Deutschland. Ob ich davon einen höre? Ich habe keine Ahnung. Ich kann nur wenige rein von der Optik her erkennen. Vom Gesang keinen einzigen. Okay, das stimmt nicht ganz: Der Ruf des Waldkauzes ist meinen Ohren sehr wohl bekannt. Und noch einen Vogel erkenne ich sofort an seinem Klang. Doch der bleibt still. Normalerweise begleitet mich sein Klopfen bei fast jeder Runde durch unseren Hauswald. Paarungszeit und Hausbau stehen im Winter nicht auf der Tagesordnung der Spechte. Aber die Futtersuche muss das ganze Jahr über sein. Vielleicht sind die Spechte aber gerade satt oder ausgeflogen?
Natürlich lausche und schaue ich nicht einfach nur so ganz genau hin. Ich interessiere mich zwar für die Tiere und die Natur, aber heute hat es noch einen anderen Grund, dass ich so aufmerksam und bewusst mit meinem Hund unterwegs bin: Achtsamkeit. Das heißt, im Hier und Jetzt zu sein. Sowohl körperlich als auch mental. Ohne sich Gedanken über die Vergangenheit oder Zukunft zu machen, ohne sich zu sorgen und vor allem ohne zu bewerten. Stattdessen konzentriert man sich auf das, was gerade ist, und macht eine Sache ganz bewusst.


Achtsam war ich vorher ehrlich gesagt selten. Damit bin ich vermutlich nicht allein, denn Achtsamkeit gehört für viele eben nicht zum Normalzustand. Mir ist es bewusst, dass ich eben nicht bewusst mit Alex spazieren gehe und möchte das wieder ändern. Eine Zeit lang hörte man an jeder Ecke, in Podcasts, las im Internet, in Zeitschriften et cetera von Achtsamkeit. Man soll achtsamer sein, sich in Achtsamkeit üben, blabla. Es hat mich genervt! Und trotzdem schreibe auch ich davon und übe mich immer mal wieder darin, achtsam zu sein. Denn manches Mal nerven mich die Dinge besonders, die mir quasi fehlen und die ich gerne hätte. Mehr Ruhe, mehr Zufriedenheit und mehr Freude gehören definitiv dazu, und dabei kann Achtsamkeit (auch mit Hund) unterstützen.
Dramen auflösen mit Achtsamkeit
Mittlerweile gibt es verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit der Wirkung von Achtsamkeit beschäftigt haben. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass Achtsamkeit(smeditation) unter anderem das Wohlbefinden verbessert. Es soll verschiedene positive Effekte erzeugen. Dazu gehören unter anderem Folgende: mehr Freude und Zufriedenheit im Leben, Stress abbauen, den Fokus erhöhen und die Selbstwahrnehmung schulen. Wer Achtsamkeit praktiziert, nimmt Abstand von den eigenen Gefühlen und Gedanken, indem man sie weder bewertet noch vermeidet. Ein achtsamer Mensch geht also nicht darauf ein, sondern nimmt an, was ist, und lässt los. Dadurch lassen sich Dramen auflösen, ein zunehmendes Vertrauen stellt sich ein und mehr Lebensfreude sowie mehr Zufriedenheit.
Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitionsforschung haben herausgefunden, dass tägliches Üben das Stresslevel langfristig um 25 Prozent senkt. Das konnten sie anhand von Haaranalysen belegen, denn im Haar lagern sich Stresshormone ab. Nach zwei Monaten lassen sich positive Effekte auf das Immunsystem, bei Ängsten und Depressionen messen (Hinweis: Bei körperlichen und/oder psychischen Beschwerden sollte man natürlich immer einen Arzt und/oder Psychotherapeuten aufsuchen!).

Achtsamkeit lässt sich jederzeit üben, zum Beispiel bei einem Hundespaziergang durch den Wald oder indem man sich auf sein Atmen konzentriert. Somit liegt beispielsweise Mediationen Achtsamkeit zugrunde. Allerdings muss man nicht meditieren, um achtsam zu sein. Alex senkt seinen Kopf zum Boden, während seine Vorderbeine leicht gebeugt sind. Sein rechtes Hundeohr dreht er nach hinten. Also auch das genaue Beobachten des Hundes dient als Achtsamkeitsübung. Es kann dann auch die Kommunikation mit dem Hund und die Bindung zu ihm verbessern.
Achtsamkeit mit Hund verbessert die Bindung
Mein Hund Alex scheint es immer wertzuschätzen, wenn ich achtsam mit ihm unterwegs bin. Er sucht dann unter anderem öfter den Kontakt zu mir. Wenn ich hingegen im Helikopterfrauchen-Modus mit ihm spazieren oder wandern gehe und alles kontrollieren will, damit ihm ja nix widerfährt, nimmt er lieber Abstand. Dann schaut er mich nur ab und zu aus dem Augenwinkel an, vertieft sich aber lieber mit seiner Hundenase in den Gebüschen oder rennt voraus.
Zurück zum achtsamen Schneespaziergang mit Hund. Genug von dem Vogelgezwitscher. Ich versuche einfach weiterzugehen, zu sein und zwischendurch mit Alex zu kommunizieren – mehr oder weniger. Eigentlich achte ich einfach nur auf ihn, indem ich auf ihn warte oder ihm einen Blick zuwerfe, ohne etwas zu wollen. Damit zeige ich ihm: „Ich bin bei Dir.“ Er sucht auch immer wieder den Blickkontakt. Dann läuft er an meiner Seite und strahlt mich erwartungsvoll an. „Ich habe keine Leckerlis dabei und einen Lauf bei dem Schnee packe ich gerade nicht, tut mir leid“, sage ich zu ihm.

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Nach ein paar Sekunden schwindet seine Hoffnung. Noch ein Blick und dann widmet er sich wieder einer Spur. Dieses Mal sind es „Fußabdrücke“: Welches Tier hier den Waldweg kreuzte, erkenne ich nicht. Nur wo es lang ging, und zwar direkt ins Dickicht. Deshalb setzt auch Alex eine Pfote vor die andere und quetscht sich unter und zwischen den Ästen hindurch. Zwischendurch bleibt er stehen und stöbert. Vom Himmel geht die Hundenase wieder auf den Boden. In den Schnee und in die Spur vor ihm. Ich schaue ihm nach. Lasse ihn ziehen, so lange wie die Schleppleine reicht.
Wildtiere lassen wir in Ruhe
Das ist eben sein Instinkt, sein Trieb – dem kann ich mich nicht immer entgegenstellen. Fürs Jagen gilt bei uns ein striktes Verbot. Da mein Hund bei Tierkontakt manches Mal in einen Junkymodus verfällt, indem er nichts anderes mehr wahrnimmt als das Tier, trägt er Schleppleine. Diese kleine Pseudojagd kann ich und will ich ihm aber nicht verwehren. Ihm tut das gut und er freut sich, wenn er wenigstens im Kleinen seinem Trieb nachgehen kann. Tiere stören lasse ich aber nicht zu. Deshalb bin ich aufmerksam. Spitze die Ohren, um Reh, Hase, Fuchs und Co. rechtzeitig zu hören. Nichts. Also lasse ich ihn noch weiter in den Wald.
Doch dann zieht ein vertrauter Geruch in meine Nase. Ein Gestank, den ich eindeutig kenne, aber nicht zuordnen kann. Wildschweine? Es heißt ja, Wildschweine riechen nach Maggi. Das kann ich aber nicht bestätigen. In freier Wildbahn habe ich zwar weder eine Bache mit Frischlingen noch einen Keiler getroffen, aber ich war mit meinem Hund einmal im Wildpark Eichert in Heidenheim. Da kam eine ganze Rotte aus dem Gebüsch angerannt. Maggi habe ich nicht gerochen und auch sonst keinen intensiven Duft. Dafür war das Getrampel umso beeindruckender. Kurz dachte ich, die Welt geht unter.


„Alex, komm lieber her“, rufe ich. Er schaut zu mir. Ich sehe ihm an, dass er lieber weiter möchte. Er zögert, aber entscheidet sich dann doch für den Rückweg. Wir gehen etwas zügiger weiter und nehmen dann den Waldweg bergauf. Im Schnee rutsche ich etwas weg und kann Alex Leichtfüßigkeit nicht so gut folgen. Wie oft bin ich hier schon langgegangen? Es waren sicherlich hunderte Male und trotzdem komme ich etwas außer Atem. Dabei bin ich fit. Wie kann das also sein? Falsche Atmung vielleicht? Alex schnüffelt bereits wieder an einem Ast, sodass ich aufholen kann. Ein Blick in den Wald und auf einen unberührten Schneeweg. Der würde uns aber wieder zu dem Dickicht führen. Also, lieber weiter.
Die kleinen, jungen Buchen versperren uns teils den Weg. Der Schnee liegt schwer auf ihren Ästen, sodass sie sich zum Boden neigen – mitten auf den Waldweg. „Junge, kleine Buchen“ trifft es strenggenommen nicht, denn sie sind bestimmt schon volljährig – sprich 18 Jahre und älter. Das ergibt zumindest ein Baumrechner im Internet, wenn ich einen Durchmesser von über zehn Zentimeter angebe. Ein paar jüngere Exemplare können den Schnee ebenso wenig tragen. Die jüngsten Buchen haben damit weniger Probleme. Ihre Äste sind noch so dünn, dass sich kaum ein Flöckchen darauf hält. Dafür hängen bei ihnen noch mehr braune Blätter trostlos hinab, sprichwörtlich wie ein nasser Sack. Ob die Buchen eingehen? Oder warum zieren noch so viele Blätter ihre Ästlein? (Später lese ich, dass manche Bäume erst alle Blätter abwerfen, wenn die neuen kommen, und bei manchen soll der Impuls für den kompletten Abwurf ausbleiben, wenn sich der Herbst und Winter langsam einschleichen.)
Der Moment zählt: achtsam unterwegs mit Hund
Ach, wie schön ist es doch, endlich einmal wieder so bewusst durch den Wald zu gehen. Einzutauchen in die Natur. Sich mit meinem Hund Alex zu verbinden und gemeinsam die Natur vor der Haustür zu erkunden. In den letzten Jahren bin ich zu verkopft geworden. Egal, was ich gemacht habe: tausend Dinge, die meine Aufmerksamkeit haben wollten und sie auch bekamen. Die Natur und mein Hund Alex bekamen sie hingegen immer nur sekundenweise. Auch wenn die Sorgen zwischenzeitlich mal weniger geworden sind, war das Gedankenkarussell stets an: Häufig zwar auch positiv und in letzter Zeit waren die Gondeln voller Ideen, aber so schön ich das auch finde, das lenkt ab.
Bei unseren Hunderunden ermahne ich mich immer wieder, aber es reicht teils nur für einige Meter. Klar, besser als nichts, und da ich mich gerne in die geistige Ideenschmiede begebe, gestatte ich es mir auch. Doch die Stimme wird wieder lauter, die sagt: „Es ist Zeit zu leben. Nutze jeden Augenblick mit Deinem Hund Alex, solange es noch geht!“ Schließlich sind es die Momente, die mir Freude bereiten, und nichts ist für mich erholsamer, als einfach zu sein – unterwegs mit meinem Hund.

2 Comments
Dies ist ein sehr schöner Bericht. Ich mag wie er geschrieben ist.
Lieber Pfotenfreund,
vielen Dank für Dein Feedback: Es freut mich wirklich sehr, dass Dir der Artikel gefällt! 🙂
Liebe Grüße
Anni