Ich schalte den Motor aus. Alex richtet sich auf und schaut mit gespitzten Ohren durch die Autoscheiben. Vermutlich wundert er sich gerade, warum wir schon wieder anhalten? Wir sind doch gerade erst losgefahren! Bevor ich meinen Hund aussteigen lasse, checke ich, ob der Platz neben meinem Auto ausreicht, sodass ein Jäger oder Förster mit seinem Auto vorbeikommt. Normalerweise parke ich nur auf ausgewiesenen Flächen. Aber dieses Mal kann ich nicht anders. Ich muss einen Ausflug mit meinem Hund Alex machen, und zwar direkt bei uns ums Eck. Für einen Fußmarsch wäre es aber leider einfach zu weit. Außerdem ist Sonntag, deshalb hoffe ich, dass in diesen Waldweg eh keiner will. Auch wenn ein Fahrzeug locker vorbeikäme.
Alex springt zackig aus dem Kofferraum. Schließlich zählt Autofahren nicht zu seinen liebsten Beschäftigungen. Zu viele Reize rauschen in kurzer Zeit an ihm vorbei. Und dann dieses leichte Wackeln oder Vibrieren, das er nicht steuern kann und seinen sensiblen Magen manches Mal auf die Probe stellt. Mein Hund wirkt also erleichtert, dass er wieder festen Boden unter den Pfoten hat. Nur um kurz darauf seine Rute etwas zu senken. Zwischen die Beine klemmt er sie aber nicht. Schließlich macht ihm der neue Ort keine Angst, aber er ist etwas verunsichert.




Wir wandern den breiten Forstweg entlang, wobei schlendern trifft es besser. Denn wir sind nur langsam unterwegs und bleiben öfter stehen. Alex Hundekörper schwingt nicht locker-flockig. Seine Muskeln sind etwas angespannter als nötig und seine Rute wirkt eher wie ein angesteckter Besenstiel. Mit seinen Augen inspiziert Alex die Strecke vor uns. Direkt vor meinen Füßen berühren seine Hundepfoten den Forstweg, so als wolle er mich beschützen.
Zum Glück gibt es hier keine Eichen
Mein Blick reicht bestimmt zwanzig Pferdelängen oder noch weiter. Nichts. Alex läuft ein paar Schritte und schwenkt dann doch zur Seite aus. Zack, schon verschwindet seine dicke schwarze Hundenase zwischen zwei grünen Halmen. Der Geruch scheint dann wohl doch spannender zu sein als der leere Waldweg. Ganz vertieft nimmt er die Informationen auf, die meiner menschlichen Nase verborgen bleiben. Kurz packt mich die Sorge. Ich scanne die Bäume oder besser ihre Blätter: ovale, spitz zulaufende und herzförmige. Ich lasse die Schultern wieder sinken. Zum Glück sind keine Eichen darunter. Mein grüner Daumen ist zwar nicht besser geworden, aber ein Eichenblatt erkenne ich noch.
Ein Hund von Vanessa und Michael alias Reiseschnauze kam unglücklicherweise mit einem Eichenprozessionsspinner in Kontakt. Dank ihrer schnellen Reaktion, indem sie das Hundemaul mit Wasser ausspülten, hat die Hündin überlebt und konnte auch ihre Zunge in Gänze behalten. Aber sie mussten ordentlich bangen und es verging eine ganze Weile, bis ihre Hündin wieder gesund war. Seitdem klären sie auf Instagram vermehrt über das Thema auf und haben zusätzlich einen Flyer erstellt. Dadurch bin auch ich sensibilisierter. Glücklicherweise gibt es in unserer Umgebung in Hessen hauptsächlich Buchen, Ahorn und Kastanien, aber ich bleibe vorsichtig.

Während Alex sein Bein hebt und seine Marke hinterlässt, starre ich noch weiter in den Wald. Die Bäume stehen dicht an dicht, kleine und große, sodass es gar nicht viel zu sehen gibt – außer jede Menge Grün und etwas Braun. Trotzdem bahnen sich vereinzelt Sonnenstrahlen den Weg durch das dichte Blätterdach und lassen einige leuchtend im Wind tanzen.
Mein Hund der Bodyguard
Mein Hund und ich schlendern weiter geradeaus. Mit jedem Schritt hallt das Knirschen der Steine durch den Wald und mischt sich unter das aufgeregte Zwitschern der Vögel. Vermutlich warnen sie sich gerade gegenseitig, dass in ihren Augen zwei Ungeheuer nahen. Alex spielt ebenfalls zwischendurch Bodyguard, bis wieder ein besonderer Geruch seine Hundenase kitzelt. Aber wie der erste bleiben mir auch die weiteren Inhalte der Duftmarken verborgen.

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Manch einer würde vielleicht sagen: Was für eine öde Strecke. Stumpf geradeaus auf einem breiten Weg mit Steinen, links und rechts nur Bäume und Büsche. Für mich ist es hingegen perfekt. Genau das, was ich wollte. Der Wechsel aus hellem und dunklem Grün, der durch das Lichtspiel der Sonne entsteht, die leisen und lauten, piepsigen und melodischen Töne der Vögel sowie der Waldweg, der nur von Schottersteinen und manch verlorenem Blatt belagert wird, finde ich wahnsinnig faszinierend und vor allem beruhigend. Natürlich könnte aus dem Dickicht ein Tier kommen. Das schleifende Geräusch der Schleppleine und das Knirschen der Steine unter meinen Schuhen, dürften aber jedes Tier vor uns warnen.
Tschüss Sport, Dauerstress ahoi
Menschen mit oder ohne Hund können sich hingegen nicht unbemerkt nähern. Das spannt nämlich mancherorts sonst zwischendurch meine Muskeln an. Meine Nebennieren schießen dann Cortisol durch meine Adern. Dazu gesellen sich Noradrenalin und Adrenalin. Sie kurbeln meinen Blutdruck und Blutzuckerspiegel an, damit ich leistungsfähiger werde. Schließlich stecken in uns Menschen noch Teile unserer steinzeitlichen Vorfahren. Damals ermöglichte die Stressreaktion das Überleben, beispielsweise wenn man vor dem allseits erwähnten Säbelzahntiger fliehen musste.





In einem Artikel der DAK* steht (ich bin da nicht versichert), dass wir an einem normalen Tag im Schnitt 25 bis 30 Milligramm Cortisol brauchen. Bei Stress hingegen bis zu 200 Milligramm. So ein erhöhter Pegel macht auf Dauer krank. Das habe ich letztes Jahr selbst erlebt. Durch verschiedene Umstände geriet ich in Dauerstress. Normalerweise konnte ich das überschüssige Cortisol und Co immer gut mit Bewegung senken. Aber ich hörte gezwungenermaßen erst mit dem Kickboxen auf, dann waren verrückterweise alle Pferde, die ich zu dem Zeitpunkt reiten konnte, gleichzeitig außer Gefecht gesetzt, Alex konnte nicht mehr viel laufen und so sank auch mein Bewegungs- sowie Sportpensum enorm. Der vor allem psychische Stress nahm hingegen nicht ab, sondern stieg.
Mein Herz im Ausnahmezustand bei der Tour de France
Das führte dazu, dass mein Herz beim Anschauen der Tour de France 2024 schneller klopfte als die Geschwindigkeit aller Fahrer des Pelotons zusammen. Zwischendurch dachte ich, dass ich vor Aufregung einen Herzinfarkt erleide. Eine meiner einstigen Lieblingsserien (Grey’s Anatomy) konnte ich nicht mehr anschauen, weil ich die dort herrschende Aufregung emotional und körperlich nicht aushielt. Aber richtig kapierte ich erst, was los ist, als ich die Schmerzen meines Lebens erlitt – natürlich nicht im positiven Sinne.
Die Zahnärztin stellte statt einer Wurzelentzündung eine craniomandibuläre Dysfunktion fest, also eine Fehlfunktion meines Kiefers. Die Zähne samt Zahnfleisch meines rechten Ober- und Unterkiefers schmerzten so sehr, dass ich aus Verzweiflung fast aus dem Fenster gesprungen wäre. Kein Schmerzmittel half richtig und auch zunächst nichts anderes. Ich probierte alle möglichen Techniken aus sowie verschiedene Hausmittel und Dosierungen von Schmerzmedikamenten. Außerdem begab ich mich auf die Suche nach weiteren. Ich hörte bestimmte Frequenzen, um den Schmerz zu lindern, übte mich im autogenen Training und der progressiven Muskelentspannung, nahm das Blubbern mit dem Lax Vox Schlauch wieder auf (den ich normalerweise für mein Sprechtraining nutzte), massierte mir die Wangen wund, weil die Medikamente meine Empfindung doch etwas störten.

Als mir die Zahnärztin dann mitteilen ließ, dass sie mir keine weiteren Schmerzmittel verschreibt, meine Hausärztin im Urlaub war und der Weg zur Vertretung nicht leistbar war und mir mein ehemaliger Nachbar auch nur einen bedingten Teil seiner Mittel geben konnte, brach ich erst vor Verzweiflung gänzlich zusammen. Denn trotz Medikamente war der Schmerz eben noch so enorm, dass ich es nur aushielt, weil ich keine Wahl hatte – mein Fenster wäre nicht hoch genug. Ohne wollte ich es mir gar nicht ausmalen. Also intensivierte ich meine Versuche, zu entspannen und ergänzte die Kieferübungen nach Liebscher & Bracht, um weitere aus meinem Sprechtraining. Ob im Endeffekt eine Technik oder alle zusammen nach und nach den Schmerz linderten, kann ich nicht sagen. Irgendwann ließ der Schmerz tatsächlich nach. Von Tag zu Tag immer mehr. Bis ich wieder normal essen beziehungsweise zubeißen konnte, vergingen allerdings über drei Monate.
Stress lass nach
Das Gute: Ich fand so die passenden Entspannungstechniken für mich. Zu Qigong und Klopfen* kamen Atemübungen und bestimmte Frequenzen sowie Embodiment*. Das sind für mich die passenden Methoden, um zu entspannen und meinen Stresspegel zu senken. Das muss für jemand anderen natürlich nicht funktionieren. Und natürlich wirkt nach wie vor Sport für mich und eben das Wandern mit meinem Hund, der Blick aufs Meer, Flüsse oder Seen (wie ich in diesen beiden Artikeln es schon erwähnte: „Die Kraft der Ostsee“ und „Kraft tanken am Lieblingsort“) sowie die Natur zu genießen, wie bei dieser Hunderunde. Laut dem Artikel der DAK können 20 Minuten schon reichen, um den Stresspegel zu senken.





Bis die Stresshormone abgebaut sind, dauert es natürlich ein Weilchen, mehrere Stunden bis sogar Tage – auch bei Hunden. Bei chronischem Stress dauert es natürlich um ein Vielfaches länger, bis das Nervensystem wieder in gesunden Bahnen schwingt. Deshalb lassen mich teilweise immer noch selbst Kleinigkeiten zusammenzucken oder hochfahren. Alex hält mich in den letzten Monaten zusätzlich auf Trab, dazu im nächsten Artikel mehr. Aber ich bin auf einem guten Weg. Und das sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Auf diesem einfachen Forstweg.
Nur wer hinschaut, entdeckt die Vielfalt
In diesem Wald im hessischen Werra-Meißner-Kreis können eigentlich keine plötzlichen Vorkommnisse mein Stresslevel erhöhen: Die Sicht reicht eben durch ein Fußballstadion – oder wenigstens ein halbes. Ganz ehrlich noch nie zuvor habe ich mich darüber so gefreut, dass einfach nichts passiert. Und doch stimmt das nicht ganz. Denn wer genau hinschaut, entdeckt unglaublich viel. Die gelben Punkte, die aus den rosa-weißen Blüten hervorstechen. Das Glitzern der Regentropfen auf dem Ahornblatt, das sich auf den Forstweg drückt. Die Baumstämme samt Krone, die sich in der Pfütze spiegeln. Die beigen Halme, die zum Takt des Windes tanzen. Diese natürliche Vielfalt entgeht mir manches Mal, wenn ich mit meinem Hund wander. Dabei sorgt die Natur für jede Menge Entspannung, selbst wenn man nur kurz in sie eintaucht, aber dafür gründlich beziehungsweise besonders aufmerksam.
Am Ende gibt es dann doch einen kurzen Schreck: Ein Fahrrad zieht an uns vorbei – ohne Vorwarnung. Fast hätte Alex das Hinterrad touchiert, weil er einen Satz machte. Und was mache ich!? Entschuldige mich noch bei der Frau. Dabei hätte sie uns doch „warnen“ müssen mit einem Klingeln. Schließlich fuhr sie direkt auf meinen Rücken und Alex Hinterteil zu – beide augenlos. Wie lange dieser Cortisolausschuss wohl im Körper bleibt? Bewusst bleibt er mir zumindest nur Sekunden. Schnell habe ich das Erlebnis wieder abgehakt. Lieber erfreue ich mich stattdessen an der unspektakulären, aber besonders erholsamen, schönen Hunderunde durch den Wald.

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