Ein rumänischer „Schlittenhund“ im schwedischen Småland

Kaum haben wir den tieferen Schnee verlassen, galoppiert mein Hund Alex los. Ich renne hinterher. Schließlich befinden wir uns im Wald und Alex liebt die Hatz, also das Hetzen von Wildtieren. Deshalb bleibt er an der Leine. Leider sind mein Bauchgurt, Alex Zuggeschirr und die Jöringleine (auch Bungeeleine genannt, da sie Rucks abfedert) gut verstaut in der Lagerbox in Deutschland. Eigentlich wollte ich sie mitnehmen, doch mein Auto war einfach viel zu voll, sodass die Sachen nicht mehr reinpassten – zumindest mit der gesamten Hundebox. Auf die Idee, sie einzeln im Auto zu verstauen, kam ich nicht. Blöd. Aber ich dachte nicht, dass Alex wieder so eine Rennfreude packt.

Vom Vestibularsyndrom Ende September hat sich mein Tierheimhund glücklicherweise gut erholt (mehr darüber erfährst Du in diesem Blogartikel „Auf Freud folgt Leid“). Trotzdem rannte er nur noch im Garten. Spazierengehen schien ihm nicht mehr so zu gefallen. Erst recht nicht in unseren Laubwäldern. Als wir endlich bei unserem temporären Zuhause in Südschweden ankommen, ändert sich das. Kaum hat Alex das Auto verlassen, flitzt er los. Sicherlich auch, um den Stress der letzten Wochen abzurennen. Der Umzug von Hessen nach Schweden war hart. Ich hatte es schon in dem Artikel „Plötzlich ist der Traum wahr: mit Hund in Schweden leben“ kurz erwähnt: Die Reise an sich ging, aber der Rest – einfach nur anstrengend, belastend, stressig. Doch das haben wir zum Glück hinter uns.

Der Abbau von Stresshormonen kann dauern

Anfangs befürchtete ich, dass diese Bewegungsfreude von Alex tatsächlich nur dem vorausgegangenen Stress geschuldet ist. Denn wie habe ich erst kürzlich wieder gelesen: Die Stresshormone wie Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin können bis zu sieben Tage im Körper bleiben. Ich habe schon einmal von Wochen gehört. Es hängt natürlich von dem Auslöser ab. Bei chronischem Stress kann es Monate, teils Jahre dauern, bis sich das durch Stress gestörte Nervensystem wieder reguliert. Das erlebe ich im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib. Und selbst bei „kleineren“ Stressmomenten kann es ein paar Stunden dauern. Cortisol beispielsweise hat aber auch Vorteile. Es schärft unter anderem die Aufmerksamkeit, hemmt Entzündungen und potenziert die Adrenalin-Wirkung. Also gilt wie so oft: Die Menge macht das Gift.

Ein paar Infos über das Småland

Das Småland ist eine historische Provinz in Südschweden. Es besteht aus den Bezirken (län) Kronobergs län, Kalmar län und Jönköpings län. Es gehören auch Teile von Östergotland und Hallands län dazu. Im Småland gibt es Wälder, Moore, Seen, Schären, Küsten, ein Archipel von über 3.000 Inseln, rot-weiße Häuser, charmante Städten und viele Geschichten. Auf der Webseite von Visit Småland steht: „Im Småland findest du die pure, unverfälschte Version von Schweden – von der Küste bis ins Hochland, dem Vätternsee im Norden und dem Laubwald im Süden.“ Das schwedische Gebiet eignet sich unter anderem hervorragend zum Wandern, Fahrrad- sowie Kanufahren. Im Winter schnallt man sich dann die Skier, Snowboards oder Schlittschuhe unter oder nimmt auf dem Schlitten Platz. Außerdem kann man unter anderem dem sogenannten „König des Waldes“ nahekommen, und zwar in einem der verschiedenen Elchparks. Auch das Nordlicht, Aurora Borealis, zeigt sich manchmal im Småland, zum Beispiel bei den Seen Bolmen und Vättern im Herbst, Winter und/oder Frühling.

Meine Befürchtungen treffen jedoch nicht zu. Alex hat tatsächlich wieder täglich Spaß am Spazierengehen. Langsam tasten wir uns heran. Schritt für Schritt erhöhe ich die Strecken durch die Nadelwälder. Manchmal kommt es mir so vor, als würde Alex innerlich fluchen, wenn ich mit ihm nicht noch etwas weitergehe, sondern den Heimweg einschlage. Allerdings will ich ihn beziehungsweise seinen Hundekörper nicht überfordern. Denn das kann gesundheitliche Schäden verursachen, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Probleme, Atemwegserkrankungen, Gelenkschäden und Muskelverletzungen. Um das zu verhindern, legen wir immer wieder Pausen ein: entweder während unserer Hunderunde oder auch ganze Tage. Das hängt immer von Alex Tagesform ab.

Rennfreude stillen trotz Bremsklotz

Glücklicherweise wird er von Tag zu Tag fitter und seine Freude bleibt. Sie wächst sogar. Immer wieder fängt er zwischendurch an zu rennen und ich hinter ihm her. Schließlich möchte ich seine Bedürfnisse so weit es geht erfüllen und ihm eben die Rennfreude ermöglichen, wenn auch eingeschränkt durch die Leine und mich als Bremsklotz hinten dran.


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Wir haben zwar einen Garten, aber der ist leider nicht eingezäunt. Zäune sehe ich zwar regelmäßig, sie sind in Schweden allerdings nicht so üblich wie in Deutschland. Einen passenden Reitstall mit Halle, in der Alex flitzen kann, habe ich bisher genauso wenig gefunden, aber dafür einen Hundrastgård in der Nähe. Dabei handelt es sich um eine eingezäunte Freilauffläche für Hunde. Dort kann meine hündische Rennsemmel mal Gas geben und das macht er auch. Nicht mehr ganz so ausgiebig wie früher, allerdings war er ja schon immer eher der Sprinter als der Langstreckenläufer. Also die Bezeichnung „Schlittenhund“ passt eigentlich nur bedingt. Obwohl Husky-Gene in ihm stecken.

Mein Hund liebt Schnee

Ich bin mir jedoch sicher, dass er es lieben würde, ein Schlittenhund zu sein. Nicht über lange Strecken wie beim Finnmarksløpet (500 Kilometer und 1.200 Kilometer) oder Yukon Quest Trail (circa 1.600 Kilometer). Das wäre gar nichts für meinen rumänischen Mischling, aber fünf, vielleicht sogar zehn Kilometer hätte er früher vermutlich gerne zurückgelegt. Natürlich nur mit vernünftigem Training. Das Dogscootern fand er zumindest grandios und er liebt den Schnee. Das bestätigt er hier in Südschweden, als es Anfang Januar endlich mehrere Tage hintereinander schneit. Alex ist noch einmal eine Spur aktiver und scheint noch mehr zu lächeln. Auch seine bernsteinfarbenen Hundeaugen strahlen noch ein bisschen intensiver. Für seine Arthrose im Rücken und seine Hüftprobleme kommt das Schlittenziehen allerdings nicht mehr in Frage.

Das Småland im Winter

Schnee gibt es in den Wintermonaten eigentlich in jeder län im Småland. Wie viel und wie lange der liegen bleibt, kann aber sehr unterschiedlich ausfallen. Bei uns in Ljungby kommun hat es erst im Januar angefangen zu schneien, wobei mein Vermieter und ein Nachbar meinten, dass es normalerweise auch im Dezember schon schneit. Schneefall ist hier im März noch möglich, muss aber nicht. In manch anderen Gebieten im Småland soll manchmal sogar noch im April Schnee liegen, wobei das wohl vermutlich eher die Ausnahme ist. Die bisher kälteste Temperatur in Ljungby kommun von Anfang Dezember 2025 bis zum 9. Januar 2026 betrug -6 Grad am Tag. Der kälteste Monat soll hier der Januar sein. Im Småland bleiben die Tagestemperaturen im Winter aber meistens im einstelligen Minusbereich, nur nachts können sie auch zweistellig werden.

Trotzdem wünsche ich mir meine Zughundeausrüstung fürs Canicross hierher. Denn die würde unsere kurzen Laufeinheiten zwischendrin doch noch etwas angenehmer für uns beide gestalten. Ich genieße sie auch so. Alex Schritte verlangsamen sich etwas. Er galoppiert zwar noch, aber rennt nicht mehr, sondern springt locker, flockig durch den Schnee. So als würde mein Schneehund nie etwas anderes machen.

Bis über den Knöchel im Schnee

Wir laufen zwar noch nicht lange, aber ich fange schon etwas an zu schnaufen. Alex scheint wieder deutlich fitter als ich zu sein. Im Gegensatz zu mir rennt er über die platte Spur, ich durch das Stück, das teilweise über meinen Knöchel reicht und somit der Kantenlänge eines Geodreiecks von 12 bis 14 Zentimeter entspricht. Denn ohne Spikes habe ich keinen guten Halt auf den platten Flächen. Meine recht schweren Gummistiefel und der Schnee fordern meine Muskeln sowie meine Kondition also noch etwas mehr heraus.

Mich durchströmt bei dem Anblick von Alex fröhlicher Leichtigkeit trotzdem ein warmes, dankbares, liebevolles Gefühl. Ein tiefes Gefühl des Glücks. Kurz darauf verfällt Alex in Trab und etwa zehn Meter später muss ich ihn stoppen. Ich kann nicht mehr. Aber dieser wundervolle Glücksmoment mit meinem Hund bleibt für immer in meinem Herzen und den kann mir niemand mehr nehmen. Oft sind es eben die kleinen Dinge, die einen glücklich machen, wenn man sie denn wahrnimmt…

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