Ein leises Pochen lässt mich innehalten. Ich horche auf, oder besser gesagt, ich höre hinein: Es klopft stärker, und zwar in meinem Brustkorb. Dieses Mal ist es aber keine Angst, die mein Herz schneller schlagen lässt, sondern Freude. Vorfreude, um genau zu sein. Denn ich weiß, was mich und meinen Hund nach ein paar hundert Metern Fußmarsch erwartet: mein Lieblingsort im Werra-Meißner-Kreis. Doch zuerst müssen wir am Eisernen Vorhang vorbei.
Schon oft wanderten mein Hund Alex und ich an der ehemaligen innerdeutschen Grenze entlang. Beim Wanderparkplatz „Baumkreuz/B7“ spüre ich immer eine besondere Energie, die ich nicht genauer beschreiben kann. Eine Mischung aus Ehrfurcht, Trauer, Unglaube und Dankbarkeit. Während Alex mit leichten Pfoten völlig unbeirrt die Seiten wechselt, muss ich an früher denken.
Die Reste der innerdeutschen Grenze
Bis 1989 kam hier keiner durch. Der Metallzaun reichte nämlich noch viel weiter. Heute stehen nur noch die Reste des Eisernen Vorhangs, wie die ehemalige innerdeutsche Grenze auch genannt wurde. (Mehr dazu erfährst Du in meinem Artikel „Vom Todesstreifen zum Wandergebiet“.) Obwohl ich sie gar nicht hautnah miterlebt habe, bin ich froh und dankbar, dass diese Zeit der Vergangenheit angehört. Gefangen zu sein und sich nicht frei bewegen zu können, sind für mich ein absoluter Graus. Für mich ist neben der Gesundheit Freiheit das wichtigste Gut.
Ich trete von Thüringen nach Hessen und lasse nicht nur die Reste der ehemaligen innerdeutschen Grenze hinter mir, sondern auch die Gedanken an die ehemalige DDR. Schließlich möchte ich mir etwas Gutes tun und mit meinem Hund Alex zusammen etwas Schönes erleben. Alex trabt voran über den mit Gras bedeckten Pfad. Er führt uns am Feldrand entlang. Seine Hundenase hat scheinbar noch nichts Spannendes gefunden. Nur halbherzig inspiziert er mal einen Halm oder ein Blatt.

Hinweis: Die Fotos in diesem Artikel sind an verschiedenen Tagen in 2024 und 2025 entstanden.
Am Ende des Feldes weicht das Grün und brauner, mit Wurzeln durchzogener Waldboden zeigt sich. Nun führt uns der schmale Pfad hinauf. Alex Pfoten tragen ihn geschwind hinauf. „Warte, ich bin nicht so schnell“, rufe ich ihm hinterher. Er bleibt stehen und wirft mir einen genervten Blick zu. So als wolle er sagen: „Immer musst Du mich ausbremsen, Du Schnecke.“ Meine Füße heben und senken sich schneller, aber sie können trotzdem nicht mit den vier Pfoten meines Hundes mithalten. Bei meiner Atmung sieht es anders aus, denn auch die hat einen Zahn zugelegt. Und so mischt sich ein Schnaufen unter das amüsiert wirkende Trillern der Vögel.
Nur wenige Meter und auch ich habe den Anstieg gemeistert. Oben angekommen, nehme ich die Schleppleine kurz. Denn links und rechts trennt Stacheldraht die Wiesen vom Weg. Früher habe ich mal gehört, dass es eigentlich verboten sein soll, Wiesen mit Stacheldraht einzuzäunen, zumindest wenn Tiere daraufstehen. Hier sind zwar weder Kühe noch Pferde noch Schafe oder Ziegen, aber trotzdem frage ich mich, ob das noch erlaubt ist? Aber es scheint mir dann doch nicht so wichtig zu sein. Sonst hätte die Journalistin in mir es später recherchiert.
Mein Hund weiß, wo es lang geht
Nebeneinander wandern mein Hund und ich weiter. Die Bäume schwinden und so streifen meine Augen über die hügelige Landschaft des Werra-Meißner-Kreises. Wiesen, Felder und Wälder wechseln sich ab. Ach, wie schön ist doch unsere Wahlheimat. Gerne würde ich mich auf die Bank setzen und die Aussicht genießen, aber ich weiß, dass es hier einen noch schöneren Ort gibt. Also wandern wir weiter an den Wiesen mit Stacheldraht vorbei.
Wo es bergauf geht, geht es auch irgendwann bergab. Das geht mir bei fast jeder Wanderung mit Hund durch den Kopf. Auch dieses Mal, obwohl wir eher einen kleinen Ausflug machen und keine richtige Wanderung. (Vor einigen Jahren habe ich diesen Artikel geschrieben: „Wandern mit Hund versus spazieren gehen“.) Beige Halme mischen sich unter das Grün. Vertrocknetes Gras ziert den Weg oder ist das irgendeine Pflanze? Alex Hundenase taucht immer wieder zwischen ihnen hindurch und inspiziert den Boden. Dadurch bleibe auch ich zwischendurch stehen und sauge die Natur in mich ein. Natürlich nur im übertragenen Sinne.


Alex bleibt wieder stehen und schaut nach unten. „Nein, wir müssen hier entlang“, sage ich zu ihm. Seine vier Pfoten regen sich aber keinen Zentimeter. Meine Füße gehen dafür ein Stück zurück. „Oh, Du hast recht, jetzt sehe ich zwischen den hohen Halmen auch einen Pfad. Danke, Alex, gut gemacht“, lobe ich meinen tierischen Weg-Experten.
Meine Beine heben und senken sich nun langsamer und bewusster. Sie drücken sich auch fester in den Boden. Viel von dem Pfad sehe ich nicht und er führt etwas steiler bergab. Dieses Mal bekomme ich keinen genervten Blick von meinem Hund zugeworfen. Stattdessen bleibt Alex von alleine immer mal wieder stehen, um auf mich zu warten. Dann wird es hart unter unseren Pfoten und Füßen: Wir haben den Asphalt erreicht.
Die Sorgen rauschen vorbei
Das Pochen in meinem Brustkorb macht sich wieder bemerkbar. Gleich sind wir da. Ich kann meinen Lieblingsort schon sehen. Allerdings ist Alex Hundenase nun im Arbeitsmodus. Gefühlte Stunden, die eigentlich eher Sekunden sind, vergehen, bis wir wieder Füße und Pfoten voreinander setzen. Allerdings schaffe ich nicht mehr als drei Schritte: Schon drückt sich Herr Hund wieder seine Nase platt. So bewegen wir uns, in meinen Augen, im Schneckentempo voran. Meine Vorfreude lässt meinen Brustkorb fast platzen. Geduld gehört eben nicht gerade zu meinen Stärken.
Geschafft. Endlich sind wir am Ziel: meinem Lieblingsort. Alex stolpert mit seinen staksigen Hundebeinen durch den Bach. Ich setze mich für einen Moment auf die Tellerschaukel. Allerdings will die sich zu sehr im Kreis drehen, was meinem Kopf nicht so gefällt. Da es mich zu viel Muskelspannung und Konzentration kostet, die Schaukel ruhig zu halten – vielleicht bin ich auch einfach zu groß und zu schwer – steige ich wieder ab. Also setze ich mich lieber auf den Boden.


Über die Steine rauscht das Wasser des Baches. Es spült gleichzeitig die schlechten Erfahrungen der letzten Wochen fern. Die Erinnerung an unseren letzten Tierarztbesuch keimt auf. Die Worte „Das ist ja komisch!“ und „Hier ist etwas, das ich nicht zuordnen kann“ ertönen in meinem Kopf. Aber sie rauschen mit dem Wasser über die Steine davon. Auch die anschließenden Bilder, die sich fest eingeprägt hatten. Der gescheiterte Versuch, Alex fürs Ultraschall auf den Rücken zu drehen. Sein schmerzerfülltes Quieken und dann der Biss. All das zeigt sich wieder, aber verschwindet kurz darauf, einfach nur, weil ich auf den rauschenden Bach starre.
Dann erklingen zum gefühlt tausendsten Mal die Worte der Tierärztin am Telefon. Die Bauchspeicheldrüsenwerte von Alex seien leider immer noch schlecht. Das zusammen mit der Vergrößerung und der Auffälligkeit könnten auf einen Tumor an der Bauchspeicheldrüse hindeuten.* Nun klopft mein Herz nicht vor Freude schneller, sondern vor Angst. Meine Augen starren weiterhin aufs Wasser. Das laute Rauschen übertönt die Worte und zieht sie aus meinem Kopf mit davon.
Balsam für meine Seele
Das Wasser zischt mir Mut zu. Und die Vögel stimmen mit ein. „Noch ist nichts in Stein gemeißelt und alles nur ein Verdacht“, erinnern sie mich. Während ich am Bach sitzend meine Sorgen und Ängste vorbeirauschen lasse, schnuppert Alex ausgiebig die Umgebung ab. Einerseits freut es mich, dass er sich so interessiert, andererseits fände ich es schön, wenn er etwas zur Ruhe kommen würde und sich hinlegt. Denn all der Mist der letzten Zeit hat natürlich auch seinen Cortisolspiegel hochfahren lassen. Vermutlich hat sich der mittlerweile wieder abgebaut, schließlich sind einige Tage seitdem vergangen, aber bei ihm ist noch nicht gänzlich Ruhe eingekehrt. Wie denn auch, wenn meine Anspannung nicht weicht. Einem anderen Hund wäre das vielleicht egal, aber Alex ist eben sehr sensibel und spiegelt stets mein Befinden.
Aber Herr Hund will eben schnüffeln, also widme ich mich wieder meinem Balsam für meine Seele zu. Dieser kleine angelegte Wasserspielplatz ist nicht nur mein Lieblingsort, sondern auch ein Kraftort für mich. Wasser war schon immer mein Element. Nichts beruhigt mich so sehr, wie auf fließendes Gewässer zu schauen. Das Meer hat eine noch stärkere Wirkung auf mich, selbst wenn es für mich stets mit etwas Melancholie einhergeht (mehr dazu in meinem Artikel „Die Kraft der Ostsee“). Aber Flüsse, Bäche und Seen erfüllen einen ähnlichen Zweck. Damit bin ich nicht allein.

Verschiedene Studien zeigen, dass die Nähe zum Wasser guttut. Die Farbe, der Klang, die gleichmäßige Bewegung – all das beruhigt den Geist und kann Stress senken. Es stellt sich oft ein innerer Frieden, Ruhe und Gleichgewicht ein, wenn man sich in der Nähe von Wasser aufhält. Laut dem Artikel „Ab ins Blaue“ in Psychologie Heute haben zwei englische Forscher herausgefunden, dass das Meer uns sogar noch besser tut und glücklicher macht als andere Landschaften wie Berge oder Wälder. (Den ganzen Artikel gibt es hier: https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/39596-ab-ins-blaue.html)
Ein Moment des Glücks
Natürlich gilt das nicht für jeden Menschen und die Wirkungen sind nur positiv, sofern man keine negativen Erfahrungen mit Wasser verbindet. Ich bin Wasser durch und durch positiv gegenüber gestimmt, obwohl ich ein sehr schmerzhaftes, lebensbedrohliches Aufeinandertreffen mit einem Petermännchen, einem giftigen Fisch, in der Toskana gemacht habe.
Was diesen Platz für mich zusätzlich besonders macht, steht fest verwurzelt neben mir: der dicke Baum. So wie die anderen Male klettere ich hinauf, oder besser gesagt, hinein. Denn sein mehrere Meter dicker Stamm spaltet sich nach etwa einem halben Meter in mehrere Teile. Dazwischen hat sich eine Fläche gebildet, die ausreicht, um sich locker zu zweit hineinzustellen. Meinen Rücken lehne ich an den harten Baumstamm. Mein Kopf sinkt in den Nacken. Meine Augen blicken in die Baumkrone, die ein hell-dunkles Lichtspiel vorführt. Hier und da blinzelt die Sonne hindurch und streichelt mit ihrer Wärme mein Gesicht. Egal was war, egal was kommt, in diesem Moment könnte es nicht schöner sein.
*Mittlerweile steht fest, der Verdacht ist glücklicherweise falsch. Leider wissen wir derzeit noch nicht, was es stattdessen ist.
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