Mein Hund und seine Monster: Ich habe es mal wieder verbockt

Eigentlich wollte ich von einem anderen Erlebnis berichten, aber es kommt mal wieder anders als geplant. Typisch. Aber damit kann ich gut um, nur dass mir ein positiver Vorfall lieber gewesen wäre. Aber nein, ich habe es mal wieder verbockt und Alex Trauma verschlimmert. Deshalb auch das komische Foto…

Für alle, die es noch nicht wissen, mein Hund Alex ist ein nicht sozialisierter Angsthund. Von Anfang an hatten wir stets ein paar Hürden zu nehmen. Auch wenn wir schon einiges bereinigen oder verbessern konnten, gibt es doch so manches, woran wir noch arbeiten müssen. Und dann gibt es leider auch noch die Vorfälle, die unsere bisherigen Erfolge zu Nichte machen. So wie heute.

Zu Beginn gab es für Alex nur Dinge vor denen er Angst hatte und welche vor denen er keine hatte. Letztere konnte ich an einer Hand abzählen. Inzwischen hat sich das Ganze etwas verändert. Jetzt gibt es auch noch Dinge, die ihn nicht mehr gleich in Panik versetzen und die er recht gelassen akzeptiert wie zum Beispiel Schnee unter den Pfoten. Auch das Problem mit dem Autofahren haben wir gut in den Griff bekommen. Manche Ängste hatten sich schon stark verbessert, bis wir zur falschen Zeit am falschen Ort waren. So zum Beispiel als ein Fahrradfahrer direkt hinter uns auf den Asphalt krachte. Ähnlich ist es in Sachen Kinder. Es gibt glaube ich nichts, vor dem er mehr Angst hat. Förderlich war es auch nicht gerade, als er bei einem Spaziergang mit meinem Freund von Kindergartenkindern umzingelt wurde, die ihn dann auch noch trotz Warnung anfassten. Das Ende vom Lied: Knurren, fletschende Zähne, schreiende und heulende Kinder. Glücklicherweise wurde keiner verletzt, aber seit dem sind Kinderbegegnungen noch etwas stressiger.

Nun ja, ich könnte noch tausend andere Dinge und Situationen dieser Art schildern. Doch heute ist mal wieder so ein Tag, wo nicht etwa die Umstände unglücklich waren oder jemand anderes sich falsch verhalten hat. Nein, heute ist es mir mal wieder ganz allein zu verdanken, dass unsere Arbeit der letzten Wochen sozusagen für den Arsch sind. Und das schlimmste ist, ich weiß nicht einmal ganz genau, was ich falsch gemacht habe.

Die Angst vor der Kamera überwinden

Ich weiß nicht, wann es passiert ist und warum, aber Alex hat irgendwann eine Abneigung gegen Kameras entwickelt. Anfänglich ließ er sich problemlos fotografieren, aber dann kriegte er aufgrund irgendeiner negativen Verknüpfung Panik. Besonders bei meiner Spiegelreflexkamera. Sobald ich diese auch nur angeschaltet habe, fing er an aus Angst in die Wohnung zu pinkeln. Zuerst dachte ich, dass das nicht so wichtig ist, aber als ich anfing über diesen Blog nachzudenken, sah das anders aus. Ein Blog, der sich um das Leben und Unterwegssein mit Hund dreht und dann ist nie der Hund zu sehen – fraglich, ob das so gut funktioniert. Also startete ich unser Fototraining.

Am Anfang habe ich meine Kamera nur herausgeholt und sobald Alex sich näherte, bekam er ein Leckerli. Als das gut klappte, ging ich einen Schritt weiter und schaltete sie an. Nach und nach steigerte ich die Herausforderung, sofern die vorherige gut funktionierte. Das Smartphone war ziemlich schnell kein Thema mehr, wahrscheinlich weil es um einiges leiser ist. Doch bei meiner Spiegelreflex und jetzt auch bei meiner Systemkamera ging es wirklich nur Stückchenweise voran. Wir haben jeden Tag eine kurze Trainingseinheit eingelegt. Alex waren diese schwarzen Kästen, die ihn auch noch anklickten und festhielten, immer noch nicht ganz geheuer, aber wir hatten schon große Fortschritte gemacht. Wir waren sogar so weit, dass er jedes Mal schon angerannt kam, wenn ich meine Kameratasche öffnete. Auch blieb er inzwischen sitzen und blickte auf Zuruf in die Linse. Da es gut klappte, haben wir in letzter Zeit nur noch ab und zu trainiert. Nach wie vor gab es keine Probleme – bis heute.

Heute möchte ich einfach Etwas anderes ausprobieren. Denn drinnen und draußen lief ja alles super. Ich möchte ein Bild knipsen auf dem er nicht irgendwo sitzt oder herumsteht. Nein, ich will ihn mal in einer anderen Situation einfangen ohne Sonnenstrahlen, schneebedeckte Wiesen oder vor dem langweiligen Wohnzimmerschrank. Die Idee kam mir ganz spontan. Zuvor war ich nämlich im Futterhaus, um zwei neue Reisenäpfe abzuholen. Bei der Gelegenheit kaufte ich Alex noch ein paar besonders tolle Leckereien. Darunter ein Schaschlik-Knochen. Also einfach ein dünner Hundeknochen an dem große getrocknete Fleischbrocken hingen. Mein Vorhaben: Ich halte Alex dieses stinkende etwas hin und wenn er es nimmt, knipse ich von oben mein Bild. Das Knochenteil unscharf im Vordergrund und Alex scharf im Hintergrund. So der Plan.

Wer noch nie einen Fehler gemacht hat, hat sich noch nie an Neuem versucht. Albert Einstein

Alex zögert aber. Er schnuppert nur einmal kurz an diesem unbekannten Ding, legt die Ohren verunsichert an, blickt zu mir und geht ein Stück zurück. Ich versuche ihn zu animieren den Knochen zu nehmen. Er kommt wieder ein Stück näher, schnuppert, schleckt einmal daran und ich knipse. Zack ist die Schnauze auch schon wieder weg und Alex geht wieder ein Stück zurück. Neuer Versuch, aber als ich die Kamera wieder hochnehme, verschwindet er ins Schlafzimmer. So schnell gebe ich ja nicht auf. Also Kühlschrank auf, Salami raus und hinter dem Hund her. Der liegt in der Ecke auf seinem Platz und guckt mich alles andere als begeistert an.

Natürlich will ich ihn nicht unter Druck setzen und bleibe an der Tür stehen. Ich lade ihn herzlich mit ruhiger und freundlicher Stimme ein mir wieder ins Wohnzimmer zu folgen. Mit leicht eingeklemmter Rute und eingeklappten Ohren kommt Alex hinter mir her. Ich bin nach wie vor die Ruhe selbst und erkläre ihm, dass ich nichts Schlimmes von ihm möchte. Zusätzlich hocke ich mich auf den Boden, zeige ihm die Kamera samt Knochen und dann gibt es auch noch das Stück Salami.

Zweiter Versuch denke ich, denn solange Alex frisst, hat er nicht wirklich Angst. Also erhebe ich mich wieder und gehe in Position (das ist etwas theatralisch ausgedrückt, denn ich stelle mich einfach nur hin mit dem Knochen und der Kamera in der Hand). Alex reagiert sofort mit langsamer, geduckter Entfernung zurück zum Schlafzimmer. Ich wieder erst an den Kühlschrank und dann hinterher. Auf dem Weg frage ich mich, ob Alex nicht einfach nur versucht noch mehr Salami abzustauben, denn so etwas ist ihm durchaus zuzutrauen. Doch dem ist nicht so, wie ich gleich erfahre.

Ein Häufchen Elend

Ich gehe nur ein kleines Stückchen ins Schlafzimmer und animiere ihn wieder aus seiner Ecke zu kommen, was er auch tut. Damit wir nicht eng an eng durch den Flur müssen, gehe ich vor. Im Wohnzimmer warte ich aber vergebens auf Alex. Also wieder zurück. Alex hat es sich wieder bequem gemacht. Nochmals locke ich ihn von seinem Kissen, dabei bin ich immer noch total ruhig (glücklicherweise habe ich inzwischen gelernt immer auf meine eigene Stimmung zu achten, denn Alex reagiert sehr intensiv darauf). Alex steht auf, aber dann passiert es – er pinkelt zuerst auf den Teppich und kurz darauf auf sein Kissen. Aus Angst versteht sich. Ich bin völlig perplex. Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Für einen Moment weiß ich auch gar nicht, was ich machen soll.

Als ich mich wieder gefangen habe, lege ich die Kamera beiseite und daneben die Salamischeibe, so dass er sich die holen kann. Dann gehe ich zurück ins Wohnzimmer und bereite mir etwas zu Essen zu, bevor ich ganz gelassen den Teppich reinige. Alex schaut sehr bedröppelt dabei zu. Seine Ohren hat er soweit zurückgeklappt und herunter gezogen, dass man sie kaum sieht. Seine Pupillen sind geweitet und er schaut ohne den Kopf zu heben von unten hinauf. Ein Häufchen Elend. Ich sage nur kurz „alles gut“ und verlasse den Raum wieder. Alex braucht noch ein paar Minuten, bis er mir folgt. Ganz langsam schleicht er sich an dem Sofa vorbei. Bleibt kurz stehen, wirft mir einen verstohlenen Blick zu und schleicht dann weiter zu seinem Platz am Fenster. Nach weiteren Minuten ist er wieder ganz normal und ich gebe ihm schließlich den Knochen.

Ich frage mich aber immer noch, was ich gerade falsch gemacht habe? Meine Stimmung war bestens, ich war fröhlich, ruhig, ganz und gar positiv gestimmt und habe ihn nicht bedrängt. Zumindest nicht körperlich. Vielleicht habe ich doch zu viel Druck aufgebaut, aber auf mentaler Ebene? Habe ich die unsichtbare Grenze übersehen und überschritten? Seit einiger Zeit beobachte ich meinen Hund und mich immer ganz genau. Denn ich weiß, dass ich vorher einiges falsch gemacht habe, vor allem weil ich negativ drauf war und/oder Alex Bedürfnisse, Charakter und Gefühle nicht genügend beachtet hatte. Doch das ist eigentlich passé.

Gelegentlich führt uns erst ein Fehler auf den richtigen Weg. Konrad Adenauer

Klar er hat schon leicht vermeidend reagiert, aber aufgrund seiner Ängste ist das bei neuen Situationen immer ein Stück weit so, deshalb versuche ich stets ganz langsam an die Dinge heranzugehen und sobald ich merke, es geht nicht weiter, breche ich ab. Doch es gab dieses Mal keinen Grund dafür oder habe ich es in meiner Euphorie doch übersehen? Normalerweise erkenne ich meist im Nachhinein, was ich falsch gemacht habe. Manchmal dauert es vielleicht einen Moment, aber ich analysiere solange, bis ich es weiß, damit ich nächstes Mal besser handeln kann. Doch dieses Mal bleibt nur ein großes Fragezeichen.

Das einzige, was ich weiß, ist, dass unser schönes Training dahin ist. Erst hatte ich Hoffnung, dass dem nicht so ist, aber die schwand sehr schnell. Denn als ich mich hinsetze, um etwas an meiner Kamera auszuprobieren, kommt Alex angelaufen und drückt sich ganz fest mit seinem Rücken an mich. Sein Kopf dreht er zu mir, um mich mit seinen verängstigten Augen anzuschauen, als wolle er sagen: „Pack bitte dieses Monster weg.“ Das habe ich mal wieder ganz toll hinbekommen! Klasse! Bleibt nur zu hoffen, dass unsere Beziehung, die stetig bergauf ging, nicht wieder darunter gelitten hat!?

Doch wie heißt es so schön: Aus Fehlern lernt man. Vielleicht kommt mir die Erkenntnis ja noch im Schlaf. 😉 Ansonsten heißt es jetzt: Abhaken, zurück auf Anfang und zukünftig noch besser aufpassen!

 

Habt Ihr vielleicht schon Ähnliches erlebt? Dann freue ich mich davon zu lesen!

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