Kampfansage an die Angst

Mir ist heute mal wieder etwas klar geworden: Das Leben ist zu kurz, um Angst zu haben. Doch bevor mein Hund Alex seine Ängste überwinden kann, muss sich etwas bei mir ändern.

Eigentlich wollte ich über etwas anderes schreiben. Von einem Erlebnis berichten, das Alex und ich hatten. Doch wie so oft bei mir, verwerfe ich meine Planung. Denn es gibt etwas, das mich einfach zu sehr beschäftigt, als das es warten könnte.

Heute machte The European Outdoor Film Tour 16/17 in Stuttgart Halt. In der Liederhalle folgte ich mal gespannt, mal geschockt, mal fassungslos, mal begeistert und mal traurig sieben Kurzfilmen. Alle erzählten Geschichten von Leuten, die für ihre Leidenschaft brennen und an ihre Grenzen gehen: sei es bei waghalsigen Mountainbiketouren, bei Kajakfahrten auf gefährlichen Gewässern oder bei alpinen Wanderungen. Alle haben mich auf ihre Art und Weise gefesselt und bewegt. Doch ein Film ganz besonders. Nicht etwa weil er mit besseren Sequenzen oder mutigeren Ideen aufwarten konnte, sondern wegen der Tragödie, die er erzählte.

When We Were Knights erzählt von den beiden Basejumpern Matt Blank und Ian Flanders. Schon zu Beginn ist klar, dass etwas nicht stimmt. Der Film versprüht von Anfang an eine gewisse Traurigkeit. Gegen Ende wird klar, warum, denn Ian Flanders stirbt bei einem vermeintlich leichten Sprung. Vermutlich ist er mit dem Kopf gegen einen Felsen gekommen, bevor er ins Wasser stürzte. Innerhalb von Sekunden ist sein Leben vorbei.

Es kann jeden treffen

Und genau das ist es, was mich nicht mehr loslässt. Klar sie haben mit dem Feuer gespielt und er hat sich (sehr gelinde gesagt) verbrannt. Was mir aber dadurch wieder einmal klar wurde, ist, dass das Leben auf einmal vorbei sein kann – nicht nur für Extremsportler oder waghalsige Menschen, sondern auch für jeden anderen, für Dich und mich.

Ich möchte noch nicht sterben, denn es gibt noch so viel, was ich erleben möchte. Doch wenn es jetzt soweit wäre, wäre es in Ordnung. Ich würde nicht den Dingen hinterher trauern, die ich nicht erlebt habe oder den Orten, die ich nicht besucht habe. Das einzige, was ich bereuen würde, ist, dass ich mich manchmal zu sehr von meinen Ängsten habe einnehmen lassen, dass ich es nicht gelernt habe, damit klar zu kommen und sie zu überwinden. Und genau das werde ich ändern.

Ängste begleiten mich schon spätestens seit meiner Geburt. Für jedes Neugeborene ist es schlimm auf die Welt zu kommen. Eben waren sie noch im wohligen, behüteten Mutterleib und nun in einer völlig fremden, verängstigenden Welt. Diese Todesängste können doch meist durch die Nähe zu der bereits vertrauten Mutter schnell überwunden werden. Ich hatte dieses Glück jedoch nicht. Stattdessen verbrachte ich zehn Tage lang alleine im Krankenhaus, mutterseelenallein. Nur völlig Fremde, die sich ab und zu um mich kümmerten. Zugegeben ich kann mich an diese Zeit nicht mehr erinnern, doch etwas ist geblieben und zwar die Angst.

Lange Zeit konnte ich sie verdrängen. Ich war sogar ein recht mutiges Kind (vielleicht aber auch, weil ich diese Todesängste überlebt habe?). Irgendwann holte mich diese Erfahrung wieder ein. Zweimal hatte ich einen Backflash und ich muss sagen, wenn meine damalige Angst nur halb so intensiv war, wäre sie immer noch schlimm genug.

Mut ist, der Angst zu widerstehen, die Angst zu
meistern – nicht die Abwesenheit von Angst.
Mark Twain

Es gibt inzwischen viel vor dem ich Angst habe und je älter ich werde, umso mehr Dinge werden es. Angst vor Höhen, davor einen Unfall zu haben, sich einen Knochen zu brechen, überfallen zu werden oder gelähmt zu sein, sind nur ein paar meiner größten Befürchtungen. Die schlimmste aller Ängste ist jedoch die Todesangst, die ich erlebt habe, und wahrscheinlich wurde mit diesem Erlebnis der Nährboden für all die anderen Ängste gelegt.

Was hat das alles mit Hunden oder mit meinem Hund zu tun, fragen sich bestimmt manche. Wer glaubt nichts, der irrt sich. Wie sagt Cesar Millan so schön „man bekommt nicht den Hund, den man will, sondern den, den man braucht“. Meiner Meinung nach, hat er damit absolut recht. Meinen letzten Hund hatte ich instinktiv aus einem riesigen Rudel ausgesucht und es war genau der Richtige. Er war einer der souveränsten und entspanntesten Hunde, die ich bis jetzt kennengelernt habe. Jahrelang hat er mir den Halt und die Sicherheit gegeben, die ich vor allem nach dem Tod meiner Mutter, als ich elf Jahre alt war, so dringend brauchte. Er war und ist der Einzige, dem ich je zu 100 Prozent vertraut habe. Mit seinem Tod nach über 18 Jahren ist mir der Boden unter den Füßen weggerissen worden. Meine Schutzwand eingestürzt. Und statt dass ich nach einiger Zeit von jemand anderen Halt bekomme, suche ich mir einen Angsthund, der absolut nicht dazu in der Lage ist.

Nicht nur ich schneide in dem Punkt schlecht ab, sondern auch Alex. Denn auch er bräuchte eigentlich einen Struppi und was hat er bekommen: mich. Also jemanden, der genauso verunsichert und ängstlich ist wie er. Aber genau aus diesem Grund habe ich ihn mir instinktiv ausgesucht. Damals wusste ich es nicht, aber ich brauchte und brauche Alex, wie ich früher Struppi brauchte.

Er lehrte mich warum, in dem er mir den Spiegel vorhielt. Wegen Alex habe ich mich erstmals richtig mit der Thematik Angst beschäftigt und mir ist bewusst geworden, dass genau das auch mein größtes Problem ist. Wir beide haben Ängste, die zum Teil Todesängste sind.

Inzwischen haben wir beide schon einiges geschafft, aber vor allem in unserer Beziehung fehlte immer noch ein Stückchen. Heute ist mir erst richtig klar geworden, dass solange ich meine Angst nicht in den Griff bekomme und mich sogar noch mehr von ihr einnehmen lasse, indem sie mich auch von harmlosen Dingen fernhält, werden Alex und ich nicht das letzte Stückchen, das uns trennt, überwinden. Und auch er wird sich wahrscheinlich nicht seinen Ängsten stellen können, sondern nach wie vor stets wegrennen wollen.

Vorsichtig an die Ränder der Seifenblase herantasten

Er braucht Halt und Sicherheit genau wie ich. Im Gegensatz zu Alex bin ich aber in der Lage uns das zu geben oder vielmehr die Ängste hinter mir zu lassen, sodass ich sein Lehrmeister sein kann. Ich weiß, Alex und ich werden nie angstfrei sein, aber darum geht es nicht. Natürlich hilft uns in Angstmomenten derjenige am meisten, der keine Furcht hat und ruhig bleibt. Aber auch derjenige kann einem Sicherheit geben, der zwar selbst Angst hat, aber sich ihr stellt und sie überwindet. Und genau diejenige werde ich für Alex sein.

Natürlich werde ich jetzt trotzdem keine Alpinwanderungen machen oder die Nordwand mit Skiern herunterfahren. Meine Furchtmomente bewegen sich in einem viel kleineren Rahmen wie bei einer Wanderung alleine auf unbekannten Terrain, eine Brücke über eine Schlucht zu überqueren oder einfach ein längerer Spaziergang in der Dunkelheit. Für mich sind diese Dinge eben riesig, aber ich weiß, dass ich es schaffen kann und will. Denn wie hat es der Mountainbiker Harald Philipp so schön in seinem Film ausgedrückt: Er fühlt sich wie in einer Seifenblase, in dessen Mitte seine Komfortzone ist, wenn er die nicht zwischendurch verlässt, wird die Seifenblase immer kleiner und zerdrückt ihn. Deshalb muss er sich immer wieder vorsichtig an die Ränder herantasten und dann erlebt er die wahre Freiheit. Auch ich will diese Freiheit.

Oder anders: Die Welt hat viel zu viel Schönes zu bieten, als das man aus Furcht etwas nicht tun sollte, und das Leben ist einfach zu kurz, um Angst zu haben!

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Habt Ihr auch Ängste und wie geht Ihr damit um?

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