Jagender Hund: Warum Aufmerksamkeit und Ruhe wichtig sind

Wie fast jeden morgen gehe ich mit Alex auf eine Wiese, damit er sich über Suchspiele und Pseudojagden sein Futter erarbeiten kann. Nachdem er hier in Baden-Württemberg gezeigt hat, wie groß seine Leidenschaft zum Jagen ist, trägt er jetzt erst einmal wieder die Schleppleine.

Ich hatte es noch einmal mit Freilauf versucht. Das endete allerdings darin, dass Alex wie wild über ein Feld hüpfte auf der Suche nach einer Katze. Leider interessierte ihn sonst nichts – auch nicht der nahende Trecker. Seitdem lasse ich ihn im Moment nur noch über seine Futter Wiese flitzen und wir betreiben so fleißig wie es geht „Anti-Jagd-Training“. Aber zurück zur eigentlichen Geschichte.

Wir sind also auf unserer Wiese: In letzter Zeit tummeln sich hier vermehrt Katzen und deshalb habe ich bei unserem Fütterungsritual sicherheitshalber einen Fuß auf der am Boden liegenden Schleppleine. Wir sind schon fast am Ende und ich schaue, wie viel Zeit wir noch haben. Da entdecke ich eine SMS und will nur mal eben antworten.

Auf einmal höre ich vom Hügel ein Geräusch. Ich sehe nichts, bemerke nur, dass Alex auch reagiert, aber ich denke, das ist bestimmt nur wieder ein Apfel, der vom Baum plumpst. Schließlich scanne ich vorm Betreten und während unserer Fütterung immer wieder das Gebiet. Ein kurzer Blick auf Alex und dann widme ich mich wieder meinem Smartphone. Blöder Fehler.

Warum uns das Plötzliche oft überrascht? …
Weil uns das Allmähliche entging. 
Otto Weiss (1849 – 1915)

Denn plötzlich schießt Alex los. Blitzartig versuche ich noch die Schleppleine aufzunehmen, aber sie rutscht mir sowohl durch die Hand als auch unterm Fuß durch. Alex ist schon den Hügel zum Baum hinauf und ich rufe oder schreie viel mehr: „Nein. Alex hier her.“ Natürlich, wie sollte es anders sein, ignoriert er das. Kurz überlege ich, ob ich weglaufen soll. Normalerweise funktioniert das gut, aber irgendwie entscheide mich dagegen.

Alex bleibt am Baum stehen und schaut sich suchend um. „Meine Chance“, denke ich. Doch dann entdeckt er etwas und flitzt wieder los, Richtung Gebüsch, außerhalb meines Sichtfeldes. Ich brülle und versuche mich die nasse Wiese hoch zu schleppen. Scheiße (Entschuldigung für meine Wortwahl, aber in so einem Moment geht es nicht anders).

Panik steigt in mir auf. Mein Puls rast. Ich fang an zu schwitzen und versuche weiter hoch zu kommen. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie Alex im Gebüsch auf ein Wildschwein trifft, das ihn angreift. Alex verfängt sich mit der Leine und kann nicht mehr fliehen. Dann sehe ich, wie er weiter durch das Gebüsch rennt, Richtung Straße und mit einem Auto oder Fahrrad zusammen stößt, was nicht nur ihn verletzt, sondern auch den anderen.

In der Ruhe liegt die Kraft. Sprichwort

Anderes Szenario: Er rennt weiter, kriegt irgendwann im Ort Panik, weil er auf Kinder oder etwas anderes trifft, was ihm große Angst macht, und findet nicht mehr nach Hause. Schon komisch, was einem alles innerhalb weniger Sekunden durch den Kopf gehen kann.

Doch dann kommt ein anderer Gedanke auf. Was hast Du gestern noch in einem Artikel von Cesar Millan* gelesen? Zu den fünf Eigenschaften eines Rudelführers gehört unter anderem ruhig sein, komme was wolle, weil (sinngemäß) kein Hund einem panischen Menschen folgt. Also atme ich tief durch.

Inzwischen bin auch ich oben angekommen und sehe das Alex noch vor dem Gebüsch steht. So schnell wie meine Panik kam, kehrt völlige Ruhe in mir ein. Ich mache kurz „scht“, klappe die Futterbox zu und sehe, dass Alex mich anguckt. Ganz ruhig und entspannt, ich kann es selbst nicht glauben, rufe ich: „Alex hier her“, und tatsächlich er kommt zurück. Große Erleichterung macht sich in mir breit.

Ich weiß nicht, was es war: Ob er die Spur verloren hat, nicht durch das Gebüsch kam, das Klacken der Futterdose oder tatsächlich meine Ruhe und Bestimmtheit. Doch was ich jetzt weiß, ist: Erstens bei einem passionierten Jäger sollte man IMMER aufmerksam sein, erst recht, wenn er die Chance hat davon zu kommen. Also keine SMS oder dergleichen mehr, wenn die Schleppleine am Boden liegt. Zweitens jede Regung eines Hundes ernst nehmen und gleich reagieren. Und drittens, was das schwierigste für mich ist, IMMER Ruhe bewahren.

 

* An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich nicht alles, was Cesar Millan macht, gut heiße und sein Vorgehen einfach nachgeäfft werden sollte. Auch will ich keine Debatte auslösen, ob er jetzt gut oder schlecht ist, die gibt es schon zuhauf. Doch es gibt in meinen Augen durchaus Dinge, die man von ihm lernen kann, die jeder meines Erachtens nach, übernehmen sollte, aber damit meine ich NICHT die körperlichen Methoden, sondern ausschließlich die mentalen. Dazu gehört unter anderem die Fehler bei sich selbst zu suchen und nicht beim Hund, an sich zu arbeiten, instinktiv und bewusst/aufmerksam zu sein, vor allem aber auf seine eigene Energie zu achten und die Bedürfnisse seines Hundes zu erfüllen. Zu letzterem gehört (neben Essen und Trinken) insbesondere körperliche und geistige Auslastung.

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