Das Wildschloss in Vaduz oder wie ich fast aufgab

Unseren Tag in Vaduz habe ich alles andere als durchgeplant. Wir sind einfach drauf losgefahren und losgelaufen. Das einzige, das feststand, war, das ich mit meinem Hund zum Schloss hoch laufe. Ab da wusste ich erst einmal nicht weiter, bis ich ein Schild entdeckte auf dem „Ruine Wildschloss“ stand. Das der Weg einer der anstrengendsten wird, ahnte ich bis dahin nicht. 

Nach einer Pause beim Schloss Vaduz starten mein Hund Alex und ich Richtung Wildschloss (Burgruine Schalun). Eine Stunde dauert es laut dem Wegweiser. „Ok, das ist ja nicht so weit“, denke ich. Also auf geht es. Wir passieren über einen breiten Schotterweg ein paar Häuser, bevor wir nach rechts in den Wald eintauchen. Der Weg bleibt breit, aber führt stetig bergauf.

Die ersten Bäume fangen an zu blühen und erstrahlen in einem schönen, hellen grün. Der Baustellenlärm (mehr dazu gibt es hier) wird immer leiser. Stattdessen sind jetzt mehr die Vögel zu hören, die in den verschiedensten Lautstärken und Tönen ihre Gesangkünste zum Besten geben.

Der Weg bleibt gleich. Nur macht er hier und da mal einen Bogen. Durch die teils noch kahlen Bäume fallen die wenigen Sonnenstrahlen, die sich durch die Wolkendecke drängen, fast konstant auf unsere Köpfe. Nur zwischendurch erhaschen wir eine Schattenpassage. Es ist warm in Liechtenstein. Und der stetige Anstieg lässt uns schon bald eine kurze Pause machen.

Vorher hatte ich noch ein paar Menschen in die Richtung gehen sehen, nun ist weit und breit niemand zu hören oder zu sehen. Abgesehen von den Vögeln und eventuellen anderen Waldbewohnern, die wir nicht sehen, sind mein Hund Alex und ich ganz allein. Blöderweise habe ich nicht auf die Uhr geschaut und weiß nicht, wie lange wir schon unterwegs sind. Es sind auf jeden Fall gefühlte Stunden.

An den wenigen Abzweigungen, die wir passieren, ist zwar auch immer ein Schild, das uns die Richtung weist, aber es verrät uns nicht, wie weit es noch ist. Ein Trinkbecken samt Wasserhahn bietet uns nach einer (gefühlten) Ewigkeit eine Erfrischung. Danach steigen wir weiter bergauf. Nach nur einigen Metern taucht der erste Aussichtspunkt auf.

Mein Bauch kribbelt bereits aus einiger Entfernung. Doch ich bin mutig und traue mich an den Zaun. Ein paar Zentimeter vorher bleibe stehen. Kralle meine Hände fest in Alex Leine. Ich halte ihn kurz und fest, aus Angst er könnte sich unter dem Zaun durch quetschen – und abstürzen. Es geht tief, sehr tief. Unten sehe ich viele Häuser von Vaduz und ein Stück Wald. 

Jeder zweite Schattenplatz gehört uns

Nach Kurzem Verharren, sodass meine „Ängste“ in Bezug auf die Höhe verschwinden können, ziehen wir weiter. Bergauf. Die Sonne scheint noch immer auf unsere Köpfe. Es sind weiterhin die Vögel zu hören und teils kahle, teils blühende Bäume zu sehen. Mal geht es zu unserer Seite steiler bergab und tiefer, mal sanfter und flacher.

Noch eine Kurve und noch eine Kurve. Menschen sind immer noch nicht in Sicht, genauso wenig wie das Ziel. Immer wieder stoppen Alex und ich, um uns in einen der wenigen Schattenplätze zu setzen. Bänke Fehlanzeige. Nur bei den Aussichtsplätzen, doch die sind mir dann doch nicht ganz so geheuer und an einer Hand abzuzählen.

Es ist Mitte April, aber es fühlt sich an wie Hochsommer. Der Schweiß läuft mir über den Rücken und zwischendurch auch über das Gesicht. Alex Zunge hängt raus, aber es scheint ihm sonst recht gut zu gehen. Also machen wir weiter. Ein paar Schritte bergauf und dann pausieren. Zwischendurch geben die Bäume immer wieder die Sicht auf Vaduz und die Umgebung frei, die sich weit unter uns befindet.

Noch immer zeigen die Schilder keine Kilometer oder Zeiten an. Ich bin genervt und erschöpft. „Wieso gibt es keine genauen Angaben? Das ist doch zum Ko….! Kein Wunder, dass keiner diesen Weg nimmt.“ Innerlich fluchend wandern wir weiter. Wieder eine Kurve und weiter bergauf. Zwar bin ich ein großer Naturfan, aber die Monotonie des Waldes und Berges können mich nicht recht erfreuen. Selbst der Blick auf den Rätikon der Zentralalpen lässt mein Herz nur kurz schneller schlagen.

Auch Alex scheint nicht sehr begeistert. Er hat aufgehört die Bäume und Büsche zu beschnuppern. Stattdessen trottet er stets neben mir her. Zwischendurch geht sein Blick immer wieder zu mir. Ich habe das Gefühl, dass wir stärker miteinander verbunden sind als sonst. So spüre ich auch, wenn sein Blick nicht nur fragt, ob alles in Ordnung ist, sondern, wenn er mir zeigt, dass er eine Pause braucht. Zumindest glaube ich das. Nur noch diese eine Kurve.

„Nur noch eine Kurve“

Dann setze ich mich wieder auf den Schotter. Alex legt sich vor mich und behält den Abgang im Auge. Trinken, tief durchatmen, aufregen, abreagieren und weiter. „Noch eine Kurve und wenn ich dann nichts sehe, dann drehen wir um“, sage ich zu meinem Hund Alex und mir. Die Kurven tauchen in immer kürzeren Abständen auf. Dementsprechend sehen wir jedes Mal herzlich wenig. „Ich habe keinen Bock mehr!“ Umdrehen und zurückgehen. Es könnte doch so einfach sein! Wer sagt denn, dass wir darauf müssen? Ich. Aufgeben war mir schon immer zu wider. Die Male, die ich es doch getan habe, kann ich an einer Hand abzählen und das soll auch so bleiben!

Also noch eine Kurve – mein Mantra für den Rest der Strecke. Alex tapert inzwischen nur noch langsam hinter mir her. Auch ich setze fast im Schneckentempo einen Fuß vor den anderen. „Will ich wirklich bis zur Erschöpfung gehen? Nur weil ich nicht aufgeben kann oder will? Ist es das wirklich wert? Was ist wenn Alex oder ich einen Hitzschlag bekommen oder irgendwie anders auf Hilfe angewiesen sind? Wie kommen wir dann wieder herunter?“ Fragen über Fragen, die zwischendurch von wilden Wutausbrüchen abgelöst werden. In meinem Kopf ist Party angesagt. Und immer wieder taucht dazwischen diese eine Stimme auf, die sagt „nur noch eine Kurve“. Dieser eine Halbsatz lässt mich durchhalten und zwingt mich stets ein Stück weiter. Immer wieder schaue ich Alex genau an, um eventuelle Erschöpfungszeichen zu erkennen. Zwar ist seine Motivation gesunken, aber er macht auch keinen völlig erschöpften Eindruck, also weiter.

Auf einmal höre ich ein lautes Knacken. Ich zucke zusammen. Fehlt nur noch das hier ein Wildschwein auftaucht oder gar Wolf, wobei es die hier eigentlich nicht gibt. Fluchtmöglichkeiten gibt es auch keine. Denn direkt neben dem Weg ist der Abgrund. Auch wenn es hier nicht so tief geht, sind Brüche sehr wahrscheinlich. Ich höre Schritte im Gebüsch. Auch Alex horcht auf. Fehlt nur noch, dass er in Jagdmodus schaltet. Mein Herz klopft. Und ich versuche durch die Gebüsche zu sehen, was sich dort versteckt. Auf einmal geht es ganz schnell. Knack, knack, husch. Wir haben eine Gämse aufgescheucht.

Alex Jagdfieber ist nur ganz kurz aufgeflammt, wahrscheinlich ist er einfach zu kaputt. Mich hat der Adrenalinschub allerdings etwas aufgepeppt. Also noch eine Kurve und noch eine. Zu den Laubbäumen haben sich inzwischen ein paar Nadelbäume gesellt. Es geht jetzt sehr steil und tief hinab. Die Motivation ist schon wieder dahin, als ich durch die Bäume etwas entdecke. Das sieht aus wie Steine. Das könnte sie sein. Die aus dem 12. Jahrhundert stammende Burg Schalun/das Wildschloss oder besser gesagt ihre Überreste: Im 14. Jahrhundert wurde sie bis auf ein paar Teile des Bergfrieds und des Palas zerstört.

Mein Kampfgeist zahlt sich aus

Also noch eine Kurve und noch eine. Und dann zeigt sich endlich die Ruine. Direkt am Hang thront sie mit ihren teils zwei Meter dicken Mauern und an die zehn Meter hohen Gebäudereste. Ich bin erleichtert und schaue mich etwas um. Ein schmaler Pfad führt näher ans Wildschloss hinan. Man kann das Wildschloss also betreten und über eine Treppe die verschiedenen Abschnitte begehen. Doch ich habe heute schon genug Mut bewiesen, da muss ich nicht noch näher an die etwa 400 Meter Tiefe. Zumal Alex an Hangnähe irgendwie etwas unruhiger ist und dennoch dahin zieht. An der Stelle führt ein sehr, sehr steiler Weg entlang, der angeblich auch für Mountainbiker geeignet sein soll, was ich Schisser jedoch fraglich finde.

Ich will es nicht riskieren, das doch noch etwas passiert. Noch einen Blick in den schmalen, dunklen Pfad, der weiter hinauf führt und mich mächtig anzieht. Er sieht so urig und unheimlich zugleich aus. Doch nein, ein anderes Mal vielleicht. Wir sind erschöpft und müssen ja auch noch hinunter. Ich lasse mich auf eine Bank nieder. Blicke auf die Ruine, den Platz und in die Tiefe. Akkus aufladen, um den Abstieg zu bewältigen. Ich bin zwar erschöpft, aber auch glücklich. Nicht nur weil der Ort etwas Magisches an sich hat, sondern vor allem weil ich nicht aufgegeben habe.

Tipps

  • Leider hatte ich meinen Tracker nicht eingeschaltet und weiß nicht, wie lang die Strecke ist. Genauso wenig weiß ich, wie lange ich gebraucht habe. Es fühlte sich aber wie eine Ewigkeit an, was ich aber der Eintönigkeit und auch den Temperaturen zu schreibe. Dennoch ist es eine schöne Strecke mit ein paar grandiosen Ausblicken. Die beim Schloss angegebene Zeit mit einer Stunde, stufe ich als sehr realistisch ein, wobei es sicherlich auch etwas schneller geht. Alex und ich haben aufgrund der Sonne und Wärme einfach sehr viele Pausen gemacht. Dafür gibt es aber nur eine handvoll Bänke.
  • Es gibt laut Karte auch die Möglichkeit eine Rundwanderung daraus zu machen, die man beim Forsthaus Bannholz starten kann. Wie anspruchsvoll die Strecke ist, weiß ich allerdings nicht.
  • Bis auf ein kleines Rinnsal und das Trinkbecken gibt es keine Wasserstellen. Also Wasser einpacken.
  • Die Strecke ist zwar sehr gut befestigt und breit, aber es geht durchgehend bergauf, weshalb sie doch recht anstrengend ist.
  • Die Tour ist, meiner Meinung nach, nicht unbedingt für sehr heiße Tage geeignet.
  • Wer mehr Zeit und Ausdauer einplant, kann sich auch dem Pfad beim Wildschloss wagen. Dieser führt den Berg noch höher hinauf und man kann sowohl nach Triesenberg als auch zum Fürstensteig gelangen. Allerdings kann ich nicht sagen, was einen auf der Strecke erwartet. Ich vermute das sie etwas anspruchsvoller ist.

Warst Du auch schon mal beim Wildschloss in Vaduz? Dann erzähl mir davon in Kommentaren.

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